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Forschungsarbeit

Hartz-Gesetze - umstritten aber wirksam?

von Irene Schumm (04.09.2009)

Kaum ein sozioökonomisches Thema beschäftigt die Öffentlichkeit so sehr wie das Thema Arbeitslosigkeit. Als ein Indikator für die wirtschaftliche Situation eines Landes werden Monat für Monat die Bekanntgabe der aktuellen Arbeitslosenzahlen erwartet und diese Zahlen entsprechend kommentiert und interpretiert. Verfolgt man die Entwicklung der letzten Jahre, so wird deutlich, dass die Arbeitslosenquote von 11% (2004) auf etwa 9% (2007) gesunken ist. Weniger deutlich sind jedoch die Gründe dieses Rückgangs. Eine plausible Erklärung wird in den vier Gesetzen für Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt - kurz Hartz-Gesetze oder Hartz-Reformen - gesehen. Unter dem Grundsatz "Fordern und Fördern" veränderten diese Reformen die Arbeitsmarktinstitutionen und deren Organisation tiefgreifend. Das Fordern meint hierbei die Arbeitslosen, deren Eigenbemühungen zur Vermeidung von Arbeitslosigkeit oder Jobfindung erhöht werden sollten. Dies sollte erreicht werden sowohl durch eine Verschärfung bestehender Gesetze als auch das Inkrafttreten verschiedener neuer Regelungen. Das Fördern bezieht sich demgegenüber auf die Unterstützung, welche die Arbeitslosen von der Agentur für Arbeit erhalten, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu beenden.

Quelle: www.arbeitsagentur.de

Auf sozialpolitischer Ebene haben die Hartz-Reformen zu heftigen Diskussionen geführt. Während liberale Vertreter überzeugt sind, dass sogar nach den Reformen die Anreize für mehr Eigeninitiative der Arbeitslosen noch zu gering sind, kritisieren die Gegner der Reform, dass die fordernden Elemente zu stark gewichtet sind. Auch heute ist diese Debatte noch nicht abgeschlossen und von Zeit zu Zeit wird sie wiederbelebt. Die letzte große Diskussion kam im Januar 2009 auf, als das Bundessozialgericht den Regelsatz für Kinder von Hartz-IV-Empfängern für verfassungswidrig erklärte.

Neben den sozialen Effekten sind jedoch vor allem auch die Ziele und Auswirkungen der Reform bezüglich der Anreizwirkungen auf die Arbeitslosen und gesamtwirtschaftliche Größen wesentlich. Daher werden im Rahmen der Dissertation die Effekte zweier wesentlicher Reformmaßnahmen ökonomisch untersucht, nämlich zum einen die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe ("Hartz IV") und zum anderen um eine Kürzung der Anspruchsdauer bei der Versicherungsleistung Arbeitslosengeld I.

Wie es in vielen Wissenschaftsdisziplinen zweckmäßig ist, ist es auch in der Arbeitsmarkttheorie eine gängige Methode, die realen Abläufe mit Hilfe eines Modells zu beschreiben. Daher wird zur ökonomischen Beurteilung dieser Hartz-Regelungen ein Arbeitsmarktmodell entwickelt, welches im Vergleich zu bereits bestehenden Modellen um einige entscheidende Merkmale erweitert wurde, die eine noch realistischere Abbildung der Zusammenhänge erlauben. So lässt sich mit Hilfe des Modells beispielsweise erklären, dass ein Arbeitsloser mit einer im Schnitt höheren Suchanstrengung eine höhere Wahrscheinlichkeit besitzt, wieder eine Arbeit zu finden. Zudem kann davon ausgegangen werden, dass diese Ausgangswahrscheinlichkeit aus der Arbeitslosigkeit für einen Arbeitssuchenden über den Verlauf der Arbeitslosigkeit nicht konstant ist, sondern dass der Arbeitslose in Abhängigkeit von anderen Einflussfaktoren (bspw. die Angst, vom höheren Arbeitslosengeld I auf das niedrigere Arbeitslosengeld II abzufallen) seine Suchleistung dauernd flexibel anpasst. Auch diese Verhaltensreaktionen kann das Arbeitsmarktmodell abbilden.

Ein Test, wie gut die Modellierung das individuelle Verhalten eines Arbeitslosen beschreibt, wurde mit Individualdaten aus dem Sozioökonomischen Panel durchgeführt. Die daraus gewonnenen Ergebnisse verdeutlichen, wie wichtig eine möglichst realistische Beschreibung des Suchverhaltens im Rahmen von Arbeitsmarktmodellen ist.

Besonders innovativ im Vergleich zu existierenden Studien ist zudem die gesamtwirtschaftliche Betrachtung. Da die Ermittlung gesamtwirtschaftlicher Größen mit Standardmethoden aus der Arbeitsmarkttheorie nicht mehr möglich war, wurde es nötig, mit Hilfe stochastischer Methoden einen neuen Ansatz zu entwickeln. Auf der Basis dieser Berechnungen ist zum einen eine realistische Beschreibung des aktuellen Arbeitsmarktzustands möglich - zum anderen können jedoch auch verschiedenste Reformszenarien simuliert werden, um bereits vor einer geplanten Reform mögliche gesamtwirtschaftliche Auswirkungen ermitteln und beurteilen zu können.

In Bezug auf die untersuchten Hartz-Reformmaßnahmen konnte verifiziert werden, dass der Rückgang der Arbeitslosigkeit zumindest zu einem gewissen Teil den verbesserten Anreizwirkungen des Arbeitslosenversicherungssystems zuzuschreiben ist.


Irene Schumm
* 1981

Stationen
  • 2001-2006
  • Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität, Würzburg; Abschluss als Diplom-Volkswirtin mit Auszeichnung
  • 2006-2009
  • Doktorarbeit im Fach Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg, Stipendiatin im Rahmen des BayEFG
  • 2006-2007
  • Doktorandenweiterbildungskurse des Bavarian Graduate Program in Economics (Elitenetzwerk Bayern)
  • 2007
  • Forschungsaufenthalt an der Simon Fraser University in Kanada