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Forschungsarbeit

Die Fußball-Rundfunkreportage im kulturellen Gedächtnis:
Das „Wunder von Bern“ als Gründungsmythos der
Bundesrepublik Deutschland

Von Christoph Schultz (14.10.2008)

„Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Tor! Tor! Tor! Tor!“ Diese wenigen Worte genügen in der Regel bis heute, um beim Leser oder Hörer den Zusammenhang zum Titelgewinn der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 herzustellen. Ziel meiner Arbeit war es herauszuarbeiten, warum dieses Ereignis bis heute einen derart großen Erinnerungswert besitzt und welche außerordentliche Rolle es für die Konstitution von kollektiver Identität in Deutschland gespielt hat. Außerdem steht die textuelle beziehungsweise mediale Vermittlung der Geschehnisse, die die grundsätzliche Basis einer gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung darstellt, im Fokus.

Bilder vom Wunder von Bern
[Bildunterschrift / Subline]: Von links oben im Uhrzeigersinn: Jubel nach dem Schlusspfiff des Finales (auf den Schultern sitzend Kapitän Fritz Walter und Nationaltrainer Sepp Herberger), das entscheidende Tor zum 3:2, die Siegerelf, der zweifache Torschütze im Finale Helmut Rahn, der Journalist Herbert Zimmermann.

Ausgangspunkt ist die Auseinandersetzung mit der Theorie des kulturellen Gedächtnisses von Aleida und Jan Assmann. Nach dieser hat das Gedächtnis einer Gesellschaft eine die kollektive Identität sichernde und reproduzierende Kraft und Funktion. Aus der gemeinsamen Erinnerung erwächst letztlich ein Selbstbild. Überträgt man dieses Konzept auf die Phase der deutschen Nachkriegsgeschichte, stößt man allerdings auf das Problem, dass tradierte Erinnerungsformen zu dieser Zeit in Anbetracht der eigenen Geschichte in ihrer Funktionsweise unangemessen geworden waren. Es herrschte deshalb ein gesellschaftlicher Konsens, über die Vergangenheit zu schweigen. Diesem stand allenfalls ein wohldosiertes und abgezirkeltes Sprechen in der Öffentlichkeit in Verbindung mit verordneter Kommemoration gegenüber. Die Abwehr der Vergangenheit in ihrer Massivität hatte zur Folge, dass nach 1945 nicht nur die zurückliegenden zwölf Jahre der deutschen Geschichte, sondern der Großteil der eigenen Vergangenheit vor der symbolischen Marke der Stunde Null tabuisiert und damit letztlich getilgt wurde. Das Ausblenden sämtlicher kollektiver Erinnerungen bedeutete ein Abschneiden der identitätsbildenden Narrative aus der Vergangenheit und damit des Sinns des eigenen Daseins. Eine Lücke im Gedächtnis ging mit einer Lücke in der Identität einher. Solange kein aufgeklärter Umgang mit den negativen Ereignissen der Vergangenheit möglich war, konnte diese nur durch ein neues, positives Element geschlossen werden. An dieser Stelle kommt die Fußballweltmeisterschaft 1954, im wahrsten Sinne des Wortes, ins Spiel.

Grundlage für die Wirkungsentfaltung dieses sportlichen Ereignisses ist das breite öffentliche Interesse am Fußball, das sich verschiedenartig erklären lässt: Es werden wesentliche Elemente von rituellen Handlungen aufgegriffen und damit an traditionelle Muster von Gemeinschaftsbildung angeknüpft, die beteiligten Akteure bieten Identifikationspotential für die Zuschauer und der internationale Wettkampf dient der Generierung eines Selbstbildes in Abgrenzung zu anderen Nationen. Im konkreten Fall unterstützte der Sport außerdem die Normalisierung der gesellschaftlichen Zustände und wurde zu einer kollektiven Ersatzbefriedigung.

Aufgrund des Sensationscharakters des Erfolgs der Nationalmannschaft ist es kein Wunder, dass dieser alsbald als selbiges verklärt beziehungsweise mythologisiert wurde. Denn während andere positive Entwicklungen jener Zeit, wie der wirtschaftliche Aufschwung, noch nicht als gesichert gelten konnten, war der sportliche Triumph unwiderlegbar. Gleichzeitig spiegelten die von Nationaltrainer Sepp Herberger propagierten ‚deutschen Tugenden’ auch den Wertehorizont der damaligen Gesellschaft wieder, und die beteiligten Spieler wurden nach außen zu Verkörperungen der Leistungsethik der jungen Bundesrepublik.

Von zentraler Bedeutung ist auch die mediale Vermittlung, die untrennbar mit der Wahrnehmung des Erfolges verbunden ist. Ohne die Rundfunkübertragung hätte die Bedeutung des Ereignisses gar nicht erst zur Entfaltung kommen können, da es ohne diese keine Breitenwirksamkeit hätte geben können. Auch wenn Helmut Rahn die Deutschen zum Titel geschossen hat, so war es doch der Reporter Herbert Zimmermann, der die dem Treffer inhärente Botschaft den Rezipienten in Deutschland übermittelte.

Bis heute wird die Thematik des ‚Wunders von Bern’ verschiedenartig und in großer Zahl aufgearbeitet. Dies ist dem Wunsch nach Fixierung der Ereignisse bei einer schwindenden Zeitzeugenschaft geschuldet. Die Auseinandersetzungen erweisen sich gerade mit größerem zeitlichem Abstand als zunehmend mythologisiert und somit den tatsächlichen Geschehnissen zumindest teilweise entrückt. Im Übergang von faktischer zu erinnerter Geschichte erhält das Ereignis Einzug in den Kanon des kulturellen Gedächtnisses, auch weil es dem Bedürfnis nach nationaler Identitätsstiftung nachkommt, ohne an die davor liegende Vergangenheit anzuknüpfen.


Christoph Schulz
* 1982

Stationen
  • 2001 - 2003
  • Studium der Psychologie an der University of Chicago
  • Seit 2004
  • Studium der Theater- und Medienwissenschaft, Neueren Deutschen Literaturgeschichte und Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
  • 2006 - 2008
  • Doppelstudium in Kombination mit „Ethik der Textkulturen“
  • Seit 2007
  • Stipendiant des Leonardo-Kollegs der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg