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Forschungsarbeit

Demokratisierung des Luxus in der Malerei des 19. Jahrhunderts.

Portrait und Genre bei John Everett Millais

 

Von Nele Martina Putz (29.10.2009)

Beschäftigen wir uns mit der Ästhetik der viktorianischen Ära, so sehen wir uns mit einem Zeitalter konfrontiert, in dem die Kunst aufgrund großer technischer Veränderungen der Gesellschaft eine Wertverschiebung erfuhr: "With his commercial recipes for new hues, the industrial chemist had superseded the painter as the colorist of the nineteenth century."[1] Das Zitat von Alison Matthews zeigt, dass sich die britische Kunst der 1870er bis 1890er Jahre in einem Maße in alle Lebensbereiche der Gesellschaft integrierte, dass ihre Grenzen verschwammen und sie ihre ästhetische Monopolstellung verlor.

Vordringlichstes Ziel meiner Untersuchungen war es, die Interdependenz zwischen der Kunst des John Everett Millais und der zeitgenössischen Konsumgesellschaft zu verdeutlichen. Das von der Kunstkritik häufig abgewertete Spätwerk des einstigen Präraffaeliten und späteren Präsidenten der Royal Academy, zeugt von diesem Prozess, der zunächst als ein rein ökonomischer Ablauf erscheint - so erkennen wir in den Gemälden die Warenwelt, in der die britische Gesellschaft lebte, in die sie sich einfügte und über die sie sich definierte.

Bubbles von John Everett Millais, 1886[Bildunterschrift / Subline]: John Everett Millais: Bubbles (1886) Öl auf Leinwand (Ausschnitt).

Die Gemälde bezeugen also in einem ersten Schritt den Kontakt der Portraitierten mit den Konsumgütern. Wenn man sich in einem zweiten Schritt mit der zeitgenössischen Vermarktung von Produkten vertraut macht, stellt man fest, dass diese sich häufig ästhetischer Inszenierungsstrategien bedienten. So wurden Schaufensterdekorationen wie Bildkompositionen vorgenommen, die Hängungspraktiken auf den Weltausstellungen erinnerten an Kunstgalerien und ethnologische Museen, sogar die dafür vorgesehenen Bauten waren Wunderwerke der modernen Architektur.

Pears Soap Advertisement, ca. 1886[Bildunterschrift / Subline]: Pears Soap Advertisement , ca. 1886. 7 x 5 inches

Modecouturiers begriffen sich als Bildhauer, die Frau wurde als "Gesamtkunstwerk" betrachtet, das sich an ästhetischen Vorgaben zu messen hatte und nicht zuletzt wurden Konsumartikel mit Werbebildern der Hochkunst vermarktet. Mein Ansatz, nicht eine Neubewertung des Malers anzustreben, sondern die Bewertungsparadigmen, denen Millais Kunst unterzogen wurde, in Frage zu stellen, folgt methodisch den Nachwirkungen des Iconic Turn. Dementsprechend basieren die Ergebnisse der Arbeit auf einer interdisziplinären Herangehensweise, die die Verquickung unterschiedlicher Disziplinen beinhaltet. Es handelt sich folglich um eine Studie, die gleichermaßen kunsthistorisch, soziologisch, kostümwissenschaftlich und wahrnehmungspsychologisch argumentiert.

Leisure Hours von Millais (1864)[Bildunterschrift / Subline]: Leisure Hours von John Everett Millais, 1864.

[1] Literaturnachweis: Matthews, Alison: Aestheticism's True Colors. The Politics of Pigment in Victorian Art, Criticism and Fashion. In: Schaffer, Talia und Psomides, Kathy A. (Hrsg.): Women and British Aestheticism. Charlottesville N.C., London, 1999. S. 176.


Stationen
  • 2004-2007
  • Studium der Kunstgeschichte, Anglistik und Italianistik an der Universität Hamburg
  • 2007-2009
  • Studentin der "Historischen Kunst- und Bilddiskurse" mit dem Schwerpunkt der Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts, der Kostümkunde und Text-Bild-Bezügen
  • 2008-2009
  • Auslandsaufenthalt an der École Normale Supérieure, Paris, sowie am Deutschen Forum für Kunstgeschichte, Paris
  • seit 2009
  • Promotion zum Thema "Englische Portraitmalerei"; seit 2007 als Teaching Assistant am Lehrstuhl von Prof. Dr. Hubertus Kohle, LMU