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Forschungsarbeit

Wenn Texte zum Ereignis werden

Von Jan Mohr

„Du schickst dich an, den neuen Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino zu lesen. Entspanne dich. Sammle dich. Schieb jeden anderen Gedanken beiseite. [...] Mach lieber die Tür zu, drüben läuft immer das Fernsehen. [...] Such dir die bequemste Stellung: sitzend, langgestreckt, zusammengekauert oder liegend.“ Die Situation, die der italienische Romancier Italo Calvino am Anfang seines Romans (1979) entwirft, ist uns allen bekannt; sie spiegelt einen Umgang mit Literatur wieder, den wir selbstverständlich gewohnt sind: Romane, Bücher lesen wir nach Feierabend, in der Freizeit. Wir trennen üblicherweise zwischen Arbeitszeit und der Zeit fürs Lesen. Und ebenso gehen wir davon aus, daß unsere Lektüre diese unsichtbare Grenze respektiert. Wenn wir einen Roman von Calvino oder Gedichte von Rilke lesen, dann erwarten wir uns daraus keine Konsequenzen für unser alltägliches Handeln.

Strikt von sogenannter schöner, belletristischer Literatur getrennt, gibt es freilich Textsorten, die unser Handeln ganz unmittelbar beeinflussen sollen – indem sie uns nämlich anleiten: Gebrauchsanweisungen, Baupläne, Kochrezepte etwa. Tu dies, dann passiert das, sagen sie.

Solche Arten von Sachtexten gab es im 15., 16., 17. Jahrhundert natürlich auch; was es aber nicht gab, jedenfalls nicht so wie heute, ist eine klare Trennlinie, die ‚Literatur‘ ausgrenzen würde aus alltäglichen handlungspraktischen Zusammenhängen. Die Romane der Barockzeit konnten über Register als Nachschlagewerke verwendet werden, Fabelsammlungen stellten Stoff für den Unterricht oder für Predigten zur Verfügung, Lyrik diente selten nur dem ästhetischen Vergnügen, sondern oft auch zu erbaulichen Zwecken.

Ich versuche, an einem Beispiel zu zeigen, wie Literatur hinüberspielen kann in gänzlich nichtliterarische Zusammenhänge und welche Funktionen sie dabei einnehmen kann. Es handelt sich um ein kurzes Gedicht des rheinischen Jesuiten Friedrich von Spee (1591-1635). Es stammt aus dessen Liedersammlung „Trutznachtigall“, in der Dichter mehrere Ziele zugleich verfolgt: er will demonstrieren, daß man auf deutsch genauso gute Lyrik verfassen könne wie auf französisch, er will zu diesem Zweck einen sprachlichen Standard setzen – und er präsentiert Gedicht- und Liedtexte, die zur Andacht geeignet sind.

Die Lieder der „Trutznachtigall“ folgen dabei dem jesuitischen Programm, die andächtige Betrachtung erbaulicher Dinge mit allen Sinnen zu unterstützen. Aber die Verbindung zwischen schöner Literatur und der erwünschten Andachtsübung des Lesers erfolgt nicht über ein rezeptartiges ‚Stelle dir jetzt dies und das vor‘, sondern wesentlich subtiler. Unser Gedicht, ein Weihnachtslied, heißt „Ein kurtzes Poetisch Christgesang, vom Ochs, vnd Eselein bey der Krippen“ und beginnt relativ konventionell. Beschrieben wird der kalte Wind, der um den Stall von Bethlehem weht. Ein Ich spricht, aber wir wissen nicht, um wen es sich da handelt. Es vertreibt den Wind und tritt in den Stall ein, wo Joseph und die uns wohlbekannten Tiere Ochs und Esel um die Krippe versammelt sind (Maria fehlt, sie gehört im 17. Jahrhundert noch nicht selbstverständlich zum Inventar der Weihnachtsszene). Das Ich fordert Joseph auf, Rosen in das Futter der Tiere zu mischen, um ihren Atem zu versüßen. Denn sie sollen das Jesus-Kind mit ihrem Atem wärmen; dazu fordert das Ich Ochs und Esel auf:

Drauff blaset her, ihr beyden,
Mitt süssem RosenWind;
Ochs, Esel wol bescheiden,
Vnd warmets nacket Kind.
Ach blaset her, vnd hauchet,
Aha, aha, aha.
Fort, fort, euch waidlich brauchet
Ahà, ahà, ahà.

(Und jetzt blast zu, ihr beiden
- mit angenehmem Rosenwind -,
Ochs und Esel, ihr verständigen Tiere,
und wärmt das nackte Kind.
Ach, blast nur zu und haucht es an,
Aha, aha, aha.
Immer nur tüchtig weiter,
Ahà, ahà, ahà.)

Den modernen Leser mag es irritieren, daß Esel und Rindvieh den Heiland anblasen sollen, aber das war wegen bestimmter theologischer Überlegungen zu Spees Zeit durchaus plausibel. Bemerkenswerter ist etwas anderes: Wer immer das Gedicht liest, tritt selbst an die Stelle von Ochs und Esel, er nimmt teil an ihrem Tun. Das „Ahà, ahà, ahà“ sollte mit tiefem Ausatmen gelesen werden, wie der Autor in seinem Arbeitsmanuskript vermerkt (ich übersetze aus dem Lateinischen): „Dieses Ahà soll mit tiefem Seufzer gelesen werden.“ Seufzer galten aber als ein sicheres Mittel, die eigene Meditation zu vertiefen und umso leichter zu Gott zu finden. Denn über ein reguliertes Atmen wird der ganze Körper in das Nachdenken über Gott einbezogen; den Atemrhythmus aber findet automatisch, wer den im Text notierten Akzenten folgt.
Das Lied fordert also nicht einfach zum regulierten Atmen auf, sondern es exerziert ein rhythmisiertes Atmen so vor, daß der Leser gar nicht anders kann, als mitzumachen (außer, er hört zu lesen auf). Und so vollzieht er eben das nach, wovon er im Text liest; in seiner Phantasie tritt er neben Ochs und Esel (und das Ich) und bewahrt das Jesuskind vor der Kälte – ein denkbar geeignetes Bild für die andächtige Meditation.

In meiner Dissertation habe ich (unter anderem) solche Phänomene untersucht: Momente, in denen Literatur, die angeblich nichts anderes sein will als ‚Belletristik‘, die nur schöne Gedichte bieten will, ihre Funktion verändert und den Leser in bestimmte Handlungsmuster zwingt, die er aus seiner Kultur natürlich bestens kennt. Im Doktorandenkolleg „Textualität in der Vormoderne“ beschäftigen wir uns nicht mit isolierten Texten, sondern wir fragen immer auch nach ihrem Sitz im Leben, nach ihrem Funktionieren und ihrer Rolle in Kommunikations- und Handlungszusammenhängen. Dabei macht es letztlich keinen großen Unterschied, ob der einzelne sich mit der Briefkultur um 1500, mit englischer Lyrik des 17. Jahrhunderts oder mit der Sprachenvielfalt auf Sizilien während der spanischen Herrschaft beschäftigt: Bestimmte Probleme sind dabei stets die gleichen. Sie machen dafür sensibel, daß auch unsere heutigen Vorstellungen davon, was Literatur, was ein Autor ist oder wie ein Text funktioniert, nicht selbstverständlich gültig sind, sondern nur eine historische Spielart darstellen.

Neben Literatur, wie wir sie gewohnt sind, mit einem einzigen Autor und einem unveränderlichen Inhalt zum Beispiel gibt es längst konkurrierende Modelle. Beispiele sind etwa die Internetliteratur, Weblogs oder auch die Artikel in Wikipedia, die prinzipiell jeder abändern kann. Dabei werden aber Prinzipien umgesetzt, wie sie – mit anderen Zielen und ganz anderen technischen Mitteln – schon vor Jahrhunderten gültig waren. Deshalb ist es wichtig, sich mit alten Texten und ihrem Funktionieren auseinanderzusetzen.

 

 


Dr. Jan Mohr
* 1976

Stationen
  • Nov. 1997– Jan. 2003
  • Studium der Neueren deutschen Literatur, Spanischen Literaturgeschichte und Kunstgeschichte an der LMU, M.A (24.1.2003)
  • 24.1.2003
  • Mai 2003–Aug. 2003
  • Wissenschaftlicher Angestellter im DFG-Projekt »Digitalisierung von ausgewählten Emblembüchern der frühen Neuzeit« (Leitung: Prof. Dr. Peil, Institut für deutsche Philologie, LMU München)
  • Dez. 2004–März 2007
  • Doktorandenkollegs »Textualität in der Vormoderne« im Rahmen des Elitenetzwerk Bayern, Promotion zum Dr. phil. (1.2.2007)
  • seit 1.4.2007
  • Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Deutsche Philologie der LMU München (Lehrstuhl für Germanistische Mediävistik; Prof. Dr. Peter Strohschneider)

Veröffentlichungen
  • Buch
  • Epigramm und Aphorismus im Verbund. Kompositionen aus kleinen Textformen (D. Czepko, Angelus Silesius, Fr. Schlegel, Novalis). (Mikrokosmos 78) München u.a. 2007. [417 S.]
  • Aufsätze
  • Verselbständigte Metaphorik. Zur semantischen Organisation des Bîspels Die Gäuhühner von dem Stricker, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 239/2 (2002), S. 366–375.
  • (zusammen mit Julia Stenzel): Das Testament des Adalbert. Transkription und Übersetzung, in: Schattendorf. Seine Geschichte und seine Menschen. Schattendorf 2003, S. 435–439.
  • Transzendentalpoesie und Doppelgänger. Zur Affinität zwischen der deutschen Frühromantik und Julio Cortázars Rayuela, in: Iberoromania 60 (2004), S. 118–149.
  • Musik in Literatur. Das Motiv der ‚Mohren‘ in Alejo Carpentiers Concierto barroco als Leitmotiv gelesen, in: Iberoromania 64 (2007), S. 87–112.