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Forschungsarbeit

Wissenschaftstheoretische Überlegungen zum Begriff der Theoriensynthese in der Evolutionsbiologie

von Tilmann Massey (13.01.2009)

In der Wissenschaftstheorie etablierte sich ab den 1960er Jahren aufgrund von historischen Untersuchungen des Wissenschaftsverlaufs  der Gedanke, dass der wissenschaftliche Erkenntnisprozess nicht grundsätzlich graduell-kumulativ verläuft, sondern in bestimmter Hinsicht strukturiert ist. An prominenter Stelle hat z. B. der Wissenschaftstheoretiker und -historiker Thomas Kuhn eine solche Auffassung vertreten und Phasen der „normalen“ Wissenschaft von Phasen größerer konzeptueller Umbrüche („wissenschaftliche Revolutionen“) unterschieden. Kuhns Ansatz ist natürlich in der Folgezeit kritisiert, modifiziert oder verfeinert worden; ein bleibender Verdienst Kuhns war aber die Sensibilisierung dafür, dass wissenschaftliche Theorien eine gewisse Dynamik zu besitzen scheinen und dass diese Dynamik nicht nur wissenschaftshistorisch, sondern auch wissenschaftstheoretisch relevant ist. Die historischen Fallstudien, die zu diesem Ergebnis führten, kamen vorwiegend aus dem Bereich der Physik.

Wirft man nun einen Blick auf die Biologiegeschichte, so fällt einem sofort das Phänomen der Synthese von Theorien ins Auge. Am besten bekannt ist hier die sogenannte „Moderne Synthese“ der Evolutionstheorie. Sie fand in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts statt und stellt – grob gesagt – eine Fusion von darwinscher Selektionstheorie und klassischer Genetik (bzw. Populationsgenetik) dar. Um 1970 wiederum war die Rede von einer „soziobiologischen“ Synthese, auch unter Beteiligung der Evolutionstheorie. Und schließlich hört man aktuell unter dem Schlagwort „Evo-Devo“ viel von der Integration von Evolutionstheorie und Entwicklungsgenetik.  Größere Umbrüche scheinen also in der Biologie (speziell: in der Evolutionsbiologie) öfter in Form einer Theoriensynthese zu erfolgen.

Wie genau lässt sich nun dieses Phänomen einordnen? Handelt es sich um einen Spezialfall einer kuhnschen Revolution oder muss es als eigenständiges historisches Phänomen klassifiziert werden? Was genau ist unter einer Theoriensynthese zu verstehen und was sind die wissenschaftstheoretischen Implikationen? Und schließlich: kommt es aktuell wirklich gerade zu einer Modifikation der Evolutionstheorie und wenn ja, wie genau sieht die Feinstruktur dieser Modifikation aus? Um diese Fragen anzugehen, benötigt man zunächst einmal eine gute Vorstellung davon, was unter einer wissenschaftlichen Theorie zu verstehen ist. Sodann kann mittels historischer Fallstudien ein präzises allgemeines Konzept einer Theoriensynthese herausgearbeitet werden. Dieses Konzept kann dann auf die aktuelle Situation in der Evolutionsbiologie angewendet werden, um auf diese Weise Theoriendynamik „live“ wissenschaftstheoretisch nachzuvollziehen.

Die Frage, was genau unter einer wissenschaftlichen Theorie zu verstehen sei, begleitet die Wissenschaftstheorie nun schon eine ganze Weile. Ältere Ansätze fassten Theorien als deduktiv abgeschlossene Aussagensysteme auf. Diese Vorstellung bringt aber einige Probleme mit sich und wird heute im Allgemeinen als inadäquat betrachtet. Einen eindeutigen „Nachfolger“ dieser Aussagenkonzeption von Theorien gibt es zwar nicht, in vielen neueren Ansätzen spielt aber die Modelltheorie eine gewisse Rolle. Eine besonders detailliert und formal ausgearbeitete Version eines solchen „modellistischen“ Ansatzes stellt dabei der wissenschaftstheoretische Strukturalismus dar, der aus mehreren Gründen besonders geeignet für die oben genannten Fragestellungen scheint. Zum einen bietet die strukturalistische Metatheorie einen komplexen begrifflichen Apparat, der sowohl verschiedene „Theorientypen“ unterscheidet, als auch in der Lage ist intertheoretische Relationen präzise darzustellen. Zum anderen wurde die strukturalistische Wissenschaftskonzeption bereits anhand vieler Fallstudien aus den verschiedensten Bereichen der Wissenschaft getestet.

Als paradigmatischer Fall einer Theoriensynthese kann die „Moderne Synthese der Evolutionstheorie“ gelten, die somit einen geeigneten Gegenstand für eine historische Fallstudie bildet. Als besonders vorteilhaft kann dabei gelten, dass die Entstehung dieser Synthese wissenschaftshistorisch und wissenschaftssoziologisch gut aufgearbeitet ist. Obwohl es natürlich im Detail Meinungsunterschiede gibt, können u.a. drei im Wesentlichen allgemein anerkannte Ergebnisse festgestellt werden:

1. Es handelt sich bei der „Modernen Synthese“ tatsächlich um eine Theoriensynthese, und zwar von Selektionstheorie und Vererbungstheorie (jeweils in einer bestimmten Form)
2. Im Vorfeld der Synthese haben gewisse begriffliche Änderungen innerhalb der beteiligten Theorien stattgefunden (dies betrifft vor allem die Bedeutung von „Mutation“ und „Variabilität“ seitens der Genetik, sowie die Aufgabe des Konzepts der Vererbung erworbener Eigenschaften seitens der Selektionstheorie); erst diese begrifflichen Änderungen haben eine Fusion der Theorien möglich gemacht
3. Ein wesentliches Element bei der Entwicklung der „Modernen Synthese“ war die Überwindung eines Kommunikationsproblems zwischen methodologisch und theoretisch verschieden arbeitenden wissenschaftlichen Gemeinschaften; es waren dies vor allem naturhistorisch-systematisch arbeitende Feldbiologen (u.a. oft „Neo-Lamarckisten“) einerseits und experimentell arbeitende Laborgenetiker (meist „Saltationisten“) andererseits; von besonderer Bedeutung für die Schaffung einer gemeinsamen Kommunikationsbasis waren Forscher, die die vorrangig im Labor entwickelten Methoden der klassischen Genetik in der Feldbiologie anwendeten (Stichwort „ökologische Genetik“) und nachwiesen, dass genetische Phänomene erstens in natürlichen Populationen auftreten und zweitens evolutionär relevant sind; das dadurch entstehende gegenseitige Interesse half dabei die Kommunikationslücke zu überwinden.

Nach dem bisherigen Stand des Projekts deutet alles darauf hin, dass sich diese Phänomene zwanglos im metatheoretischen Rahmen des Strukturalismus fassen lassen. Besonders der Begriff der intendierten Anwendungen einer Theorie erweist sich als nützlich, sowohl in seiner pragmatisierenden als auch in seiner identitätsstiftenden Rolle. Es ist auch absehbar, dass sich die spezifischen Relationen zwischen den Begriffen der vorsynthetischen Theorien und der vollzogenen Synthese in eine „große“ intertheoretische Relationsbeziehung bündeln lassen; somit ist der Synthesebegriff strukturalistisch explizierbar.

Einen besonderen Reiz an der Thematik stellt natürlich der Übertrag in die aktuelle Diskussion um die evolutionäre Entwicklungsbiologie („Evo-Devo“) dar. Es geht dabei weniger darum konkrete Vorschläge für die Formulierung einer solchen Synthese aus aktueller Evolutionstheorie und Entwicklungsgenetik zu machen – dies ist Sache der Biologen. Es sollte aus wissenschaftstheoretischer Sicht jedoch möglich sein die genauen Voraussetzungen für das Zustandekommen einer Synthese, sowie deren potentielle epistemologische Konsequenzen zu formulieren. Zumindest ist es äußerst spannend Theoriendynamik „in Echtzeit“ zu erleben und wissenschaftstheoretisch zu begleiten.

Zum Schluss sei noch auf die weiterführende Problematik des interdisziplinären Arbeitens hingewiesen, die in der vorliegenden Arbeit zwar nicht im Vordergrund steht, ihr aber dennoch gewissermaßen zugrunde liegt. Zwei Theorien zwischen denen semantische Brüche bestehen nennt man üblicherweise inkommensurabel; dieses Phänomen wurde bisher schwerpunktmäßig in Hinblick auf zeitliche Abfolgen von Theorien und der damit zusammenhängenden Fortschrittsproblematik behandelt. Sind nun zwei oder mehrere zeitgleich existierende Theorien inkommensurabel und wollen die Anwender der Theorie dennoch zusammenarbeiten, so ergeben sich Probleme bezüglich der Schaffung einer gemeinsamen sprachlichen Basis, der Bewertungsmaßstäbe und des anvisierten Gegenstands- und Geltungsbereichs. Eine Theoriensynthese kann nun als (seltener) Optimalfall des Ausgangs einer solchen interdisziplinären Zusammenarbeit gesehen werden, d.h. die Analyse gibt wichtige Hinweise dafür, wie man Interdisziplinarität theoretisch fruchtbar macht – in Zeiten, in denen inter- und multidisziplinäre Forschungszentren wie Pilze aus dem Boden schießen vielleicht eine wertvolle Sache.


Tilmann Massey
Tilmann Massey
* 1977

Stationen
  • 1998 – 2005
  • Studium der Geologie/Paläontologie an der LMU München, Diplomarbeit am GeoBio-CenterLMU – Center of Geobiology and Biodiversity Research
  • 2002 – 2005
  • Zusatzfachstudium der Logik und Wissenschaftstheorie an der LMU München
  • seit 2005
  • Doktorand im Fach Logik und Wissenschaftstheorie am Lehrstuhl Prof. Dr. C. U. Moulines (LMU München)
  • seit 2007
  • Forschungsstipendiat im Elitenetzwerk Bayern