ELITE NETZWERK BAYERN

English  Sprachen Icon  |  Gebärdensprache  |  Leichte Sprache  |  Kontakt


Forschungsarbeit

Mythos und Eros: Joseph Dufours Bildtapete zur Amor und Psyche-Fabel

Von Katharina Eck (29.03.2010)

Der Mythos von Amor und Psyche setzt sich aus verschiedenen mündlich überlieferten Erzählkomponenten zusammen und wurde in der Spätantike von Apuleius schriftlich fixiert. Im Goldenen Esel ist er als eingeschobenes Märchen im Märchen verankert und wird von einer alten Frau für ein junges, in Bedrängnis geratenes Mädchen wiedergegeben. Die Liebeserzählung für eine Liebende übertraf an Bekanntheit bald sämtliche andere Episoden aus Apuleius’ Erzählwerk. Die Rezeption von "Amor und Psyche" in Kunst und Literatur wurde durch diesen Text entscheidend angeregt und erreichte einen ersten Höhepunkt in der europäischen Renaissance. Aufbauend auf einem philosophischen Konzept der "Psyche", die als Allegorie der menschlichen Seele galt, wurde deren Geschichte entsprechend als Bewährungsprobe und letztlich als erfolgreicher Aufstieg der Seele in den Himmel gedeutet.

Im 18. Jahrhundert lässt sich eine neue Art der Rezeption des Amor und Psyche-Märchens in der Kunst beobachten und auch die Entstehung einer entsprechend veränderten Ikonographie. Die Grundlage für das neue Interesse an dem Stoff bildete der Roman Les Amours de Psyché et de Cupidon von Jean de La Fontaine, der sich seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute. Er wurde auch zur wichtigsten literarischen Vorlage für die 12-teilige Bildtapetenserie aus der französischen Manufaktur Dufour, die 1815 diese im Mittelpunkt meiner Arbeit stehende Raumdekoration im aufwendigen Handdruckverfahren herstellte.

[Bildunterschrift / Subline]: "Psyche im Bade", aus der 12-teiligen Bildtapete der Manufaktur Joseph Dufour (Paris 1815).

Ausgehend von der "Psyche"- Bildtapete, die im frühen 19. Jahrhundert eine erstaunliche Verbreitung in ganz Europa und Nordamerika fand, betrachte ich zunächst die Entstehung und Entwicklung der "Papier Peint"- Industrie im Frankreich des 18. Jahrhunderts und zeige die Besonderheiten dieses Mediums auf, das sich zwischen Kunst und Massenindustrie situiert hat. Anschließend gehe ich zu einer detaillierten Analyse der 12 Einzelszenen der Tapete über und verbinde im zweiten Teil meiner Arbeit die Ansätze der Mythenrezeption und Medienästhetik mit soziologischen bzw. sozialpsychologischen Fragestellungen. Dabei untersuche ich vor allem die Entstehung eines neuen, bürgerlichen Konzeptes der Liebesehe, die u. a. von Niklas Luhmann in "Liebe als Passion" als paradigmatisch für das 18. Jahrhundert und die romantische Liebesauffassung hervorgehoben wird. Damit verbunden ist zunächst vor allem im literarisch-philosophischen Kontext eine neue Sichtweise auf Geschlechter, Familienstrukturen und Intimität/ Sexualität, die ihren Niederschlag in bedeutenden Kunstwerken der Zeit, aber durchaus auch in kunsthandwerklichen Erzeugnissen findet. Mich interessiert im Rahmen der Masterarbeit dabei vor allem, wie diese Kunstwerke als Re-Inszenierung kultureller Diskurse "gelesen" werden können. Sie werden Teil eines performativen Prozesses, der den Betrachter als Initiator braucht, wie u. a. im Hinblick auf Kultur und Geschlechter Judith Butler feststellt oder im Bereich der Semiotik und Literaturtheorie Umberto Eco, der von der Aktualisierbarkeit eines Textes durch den vom Autor strukturell vor-gedachten Leser ausgeht. Im Hinblick auf die "Psyche"-Tapete in ihrer Funktion als Raumschmuck gehe ich also von einer Raum -Betrachter- Aktualisierung aus, die über die Auffassung, die Bildtapete diene der Wanddekoration und liefere hauptsächlich einen Hintergrund für den Lebensalltag, weit hinausgeht.


Katharina Eck
Katharina Eck
* 1980, Berlin

Stationen
  • seit Okt. 2009
  • Planung für das Dissertationsprojekt im Bereich Kunstgeschichte/ Bildwissenschaft. Betreuer: Prof. Dr. Michael Zimmermann, Prof. Dr. Elisabeth Décultot
  • Mai 2009
  • Vorstellung der Masterthesis im Rahmen der 7. Internationalen Frühjahrsakademie (Proartibus-Netzwerk) in Montreal
  • Sept. 2008-März 2009
  • Auslandssemester an der École Normale Supérieure Paris
  • 2007- 2009
  • Masterstudium der Historischen Kunst- und Bilddiskurse in Eichstätt, München und Augsburg
  • 2002-2003
  • DAAD-Jahresstipendium für die Universidade Federal Fluminense in Nitéroi/ Brasilien
  • 2000
  • Studium der Komparatistik (Hauptfach), Romanistik und Betriebswirtschaft (Nebenfächer) an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen