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Forschungsarbeit

Marxismus versus Kulturkonservatismus? Entwürfe zu einer Konzeption des Intellektuellen in der englischen Literaturkritik der dreißiger Jahre. Ein Vergleich zwischen den Autoren Stephen Spender und F. R. Leavis

von Anne Hrach

Im Rahmen dieser Untersuchung findet eine Gegenüberstellung der prägenden Prinzipien der englischen Literaturkritik der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts statt, nämlich von Marxismus und Kulturkonservatismus in der Tradition Matthew Arnolds, wie sie jeweils in der Literaturkritik von Stephen Spender und Frank Raymond Leavis zum Ausdruck kommen. Spender ist einer marxistisch geprägten Richtung der Literaturkritik zuzuordnen, Leavis der Tradition der konservativen Kultur– und Literaturkritik.
Die Arbeit fragt insbesondere danach, wie auf der Basis dieser divergierenden Weltanschauungen im Werk von Spender und Leavis jeweils Konzeptionen zu Definition und Funktion des Intellektuellen/des Schriftstellers entwickelt und gerechtfertigt werden.

Wer sind die beiden Autoren, die hier verglichen werden? Stephen Spender (1909 – 1995), aus großbürgerlichem Elternhaus kommend, schließt sich während seines Geschichtsstudiums in Oxford (1927 – 1930) dem Dichterkreis um Wystan Hugh Auden an. Auf diesem Wege gelangt Spender in den dreißiger Jahren zum Marxismus, der in bürgerlichen Kreisen vorübergehend Beliebtheit genießt und zu einer modischen politischen Richtung wird. Spender ist ein poet–critic, verfasst also neben Literaturkritik auch Lyrik, Prosa und Bühnenstücke. Nach dem Zweiten Weltkrieg kann sich Spender als international tätiger Intellektueller etablieren und seinen Lebensunterhalt durch Vortragsreisen insbesondere an US–amerikanischen Universitäten bestreiten. Spender ist in den dreißiger Jahren zwar Marxist, über den tatsächlichen ideologischen Gehalt seiner Schriften wird in der Untersuchung jedoch noch zu reden sein.
Frank Raymond Leavis (1895 – 1978) dagegen verbringt sein Leben fast ausschließlich in seiner Geburtsstadt Cambridge. Er ist als Universitätsdozent an der in Cambridge Anfang der zwanziger Jahre neu gegründeten English School tätig, bleibt aber Außenseiter und muss viele berufliche Rückschläge in Kauf nehmen. Zusammen mit seiner Frau Q. D. Leavis (Queenie Dorothy), ebenfalls einer eigenständigen, aber von der Forschung lange Zeit vernachlässigten Literatur– und Kulturkritikerin, gibt er die einflussreiche Zeitschrift Scrutiny heraus, die maßgeblich für die Verbreitung seiner kulturkritischen Ideen in der Tradition Matthew Arnolds ist.
So unterschiedlich also Herkunft und Voraussetzungen beider Autoren sind, so unterschiedlich sind die Anliegen, die sie in ihrem jeweiligen literaturkritischen Werk formulieren. Ziel des Vergleichs ist es, jenseits ideologischer Etikettierungen die jeweiligen gesellschaftspolitischen Anliegen beider Autoren zu definieren und im Kontext der politischen Veränderungen der dreißiger Jahre zu beschreiben. Dabei sind die explizit und implizit geäußerten Zuschreibungen zur Rolle der Intelligenz von erheblicher Bedeutung, da sich an ihnen gesellschaftspolitische Konzeptionen festmachen lassen.
Damit stellt sich die Untersuchung gegen bisher nicht hinterfragte Kategorisierungen einer Forschung, die besonders im Falle des Marxisten Stephen Spender signifikante Lücken aufweist. Zu F. R. Leavis existiert zwar eine Fülle von Untersuchungen, die sich jedoch in ihrer Mehrzahl isoliert mit Person und Werk F. R. Leavis’ befassen. Insbesondere in der angelsächsischen Forschung ist die Tendenz zu einem empirisch–betrachtenden, deskriptiven Ansatz erkennbar, der methodisch einengend ist und damit den gesellschaftspolitischen Gehalt der Texte Leavis` nur unzureichend erfasst. Ähnliches gilt auch für die Forschung zu Stephen Spender. Insbesondere auf dem Gebiet der marxistischen Literaturkritik ist die Forschungslage dürftig. Nicht zu Unrecht wird insbesondere dieses Gebiet als eine der „signifikanten Auslassungen“ (Klaus, 1973) der anglistischen Forschung bezeichnet.
Mit einer Gegenüberstellung zweier Autoren möchte die Arbeit diesen beträchtlichen Mangel der bisherigen Forschung beheben, nämlich die isolierte Darstellung einzelner Autoren, die das Zusammenspiel der Weltanschauungen in den dreißiger Jahren nur unzureichend berücksichtigt.

Die Fragestellungen in den Texten Leavis’ und Spenders besitzen Aktualität nicht nur für ein Verständnis des politischen Horizontes von Intellektuellen der dreißiger Jahre, sondern darüber hinaus auch für die Debatten über Definition und Funktion Intellektueller, wie sie im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts immer wieder neu geführt worden sind:
Während Spender zeitweise eine stark praktisch orientierte Art der gesellschaftlichen Beteiligung, namentlich in kommunistischen Organisationen, fordert, schließt Leavis dies für Intellektuelle aus. Inwieweit Intellektuelle seiner Auffassung nach gerade auf  Basis politischer Abstinenz gesellschaftlich tätig sein können, wird die Dissertation untersuchen.
Damit befinden sich beide Autoren mitten in einer das gesamte zwanzigste Jahrhundert übergreifenden Auseinandersetzung um die Rolle Intellektueller, die in Frankreich mit Emile Zolas offenem Brief J’accuse ihren Anfang nimmt und die sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg etwa in den politischen Aktionen Jean–Paul Sartres und seiner Beteiligung an den Studentenrevolten von 1968 manifestiert.

Im deutschsprachigen Raum wären im Zusammenhang mit 1968 auch der Einfluss der Kritischen Theorie auf die Neue Linke und damit auf die Studentenproteste zu nennen, ebenso der Zürcher Literatenstreit um Emil Staiger, der sich um die Frage nach künstlerischer Autonomie versus politischem Engagement in der zeitgenössischen littérature engagée dreht.
In jüngerer Zeit wurde durch den ethical turn in den Geistes– und Sozialwissenschaften ebenfalls die Frage nach den ethischen Implikationen literarischer Texte aufgeworfen.

Der Blick auf die randständige, bisher vernachlässigte Diskussion über die Rolle Intellektueller im Großbritannien der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts ermöglicht damit die Vervollständigung dieser bisher hauptsächlich kontinentaleuropäisch und nordamerikanisch geführten Diskussion.

Ein Vergleich zwischen den Autoren Stephen Spender und F. R. Leavis

Anne Hrach
Anne Hrach M.A.
* 1979

Stationen
  • 1999-2006
  • Studium der Anglistik und Germanistik in Würzburg, Warwick (UK) und Bamberg
  • seit März 2007
  • Forschungsstipendiatin im Elitenetzwerk Bayern
  • Promotionsstudium in Anglistik; Betreuer der Dissertation: Prof. Dr. Christoph Houswitschka
  • 8.5.2008
  • Vortrag auf dem Kolloquium "Forschende Frauen in Bamberg"

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