ELITE NETZWERK BAYERN

English  Sprachen Icon  |  Gebärdensprache  |  Leichte Sprache  |  Kontakt


Forschungsarbeit

Warum Frauen weniger verdienen als Männer

Forschungsarbeit von Boris Hirsch

Nach wie vor verdienen Frauen in Deutschland weniger als Männer - im Durchschnitt 20 Prozent. Viele Klagen über diese Ungerechtigkeit konnten nichts daran ändern. Um das Phänomen zu erklären, wurden schon unterschiedliche Argumente ins Feld geführt. Eines davon behauptet, dass Vorurteile gegenüber Frauen schuld an der niedrigeren Bezahlung von Frauen seien. Nur: Fraglich ist, ob Unternehmen bereit sind, Gewinneinbußen hinzunehmen, um ihre Vorurteile auszuleben.

Denn Unternehmen, die Frauen diskriminieren, liefen Gefahr, dass diese zu nicht-diskriminierenden Arbeitgebern abwandern und somit die Gewinne des diskriminierenden Unternehmens schmälern, wie Boris Hirsch, Doktorand des Bavarian Graduate Program in Economics "Incentives" erklärt. Diese Überlegung bildete den Ausgangspunkt einer gemeinsamen Studie zusammen mit den Nürnberger Wirtschaftswissenschaftlern Thorsten Schank und Claus Schnabel: "Gender Differences in Labor Supply to Monopsonistic Firms". Beruhend auf Sozialversicherungsmeldungen der Unternehmen wurde darin untersucht, unter welchen Bedingungen die Lohndiskriminierung von Frauen für die Unternehmen tatsächlich vorteilhaft sein könnte.

Die provokative Hauptthese der Studie: Frauen weniger zu zahlen, ist eine gewinnbringende Strategie. Denn es sei gar nicht nötig, ihnen mehr zu bezahlen. Der Grund hierfür sind die Treue von Frauen gegenüber ihrem Arbeitsgeber und ihre eigenen Prioritäten: Sie wandern nicht so leicht ab und machen ihre Arbeitsplatzwahl weniger vom Geld denn von anderen Faktoren abhängig. Anders die Männer: Zahlt ein Unternehmen ihnen 10 Prozent weniger, so wandern 20 Prozent der männlichen Mitarbeiter ab. Frauen dagegen sind weniger dazu geneigt, Umzüge oder längere Pendelzeiten auf sich zu nehmen; bei ihnen sinkt das Arbeitsangebot um lediglich 9 Prozent. Sie reagieren also nur halb so stark auf Gehaltsänderungen. Dies können sich Unternehmen zunutze machen, wenn sie Lohndiskriminierung zu Lasten der Frauen betreiben: Indem sie den weniger wechselwilligen Frauen ein niedrigeres Gehalt bieten als den stärker entgeltgetriebenen Männern, können sie ihre Belegschaft zu geringeren Kosten beschäftigen. Es wären demnach keine Vorurteile, die die Unternehmen zu niedrigeren Löhnen für Frauen veranlassen, sondern rein wirtschaftliche Überlegungen.

Die Studie über Geschlechterdifferenzen ist Teil des Promotionsvorhabens "Monopsonistic Labor Markets: Theory and Empirical Evidence" von Boris Hirsch über Lohnsetzungsspielräume von Arbeitgebern. Üblicherweise fußen arbeitsmarktökonomische Analysen auf dem neoklassischen Modell eines vollkommenen Arbeitsmarktes. Dieses unterstellt unter anderem, dass Unternehmen über keinerlei Lohnsetzungsspielräume verfügten: Zahlen die Unternehmen einen Lohn, der unter dem Marktlohn liegt, finden sie keine Arbeitnehmer. Das Beispiel der geringeren Bezahlung von Frauen weist jedoch in eine andere Richtung: Eingeschränkte Mobilität und Marktkenntnis führten dazu, dass Arbeitnehmer nicht in der Lage sind, ihren Arbeitgeber beliebig zu wechseln. Letzteres ist der Ausgangspunkt von Modellen unvollkommener Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Mit der Tragfähigkeit, Kritik und Weiterentwicklung dieser Modellklasse beschäftigt sich Boris Hirsch seit letztem Jahr in seiner Doktorarbeit.

Sein jüngst erschienenes Diskussionspapier "Joan Robinson Meets Harold Hotelling: A Dyopsonistic Explanation of the Gender Pay Gap" zeigt, wie sich mithilfe eines einfachen theoretischen Modells unvollkommener Konkurrenz am Arbeitsmarkt Lohnunterschiede allein durch Geschlechterunterschiede in der Bereitschaft zum Pendeln erklären lassen. Darüber hinaus gibt das dargelegte Modell eine Erklärung, warum die Erhöhung der Mobilität von Frauen (z.B. durch verbesserte Kinderbetreuungsmöglichkeiten) dazu führen sollte, dass bestehende Lohnunterschiede abnehmen.    


Boris Hirsch
* 1981

Stationen
  • 10.2001 – 09.2006
  • Studium der VWL an der Friedrich- Alexander- Universität, Erlangen- Nürnberg
  • 10.2003 – 03.2006
  • Studium der Mathematik an der Universität Hagen
  • 09.2006
  • Diplom der VWL, Diplomarbeit „Monopsony Power in the Labour Market“
  • anschl.
  • Bavarian Graduate Program in Economics „Incentives“

Veröffentlichung
Gender Differences in Labor Supply to Monopsonistic Firms: An Empirical Analysis Using Linked Employer - Employee Data from Germany, (2006), BGPE Discussion Paper No. 6, (with Schank and Schnabel) Joan Robinson Meets Harold Hotelling: A Dyopsonistic Explanation of the Gender Pay Gap (2007), BGPE Discussion Paper No. 24