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Forschungsarbeit

Die Bedeutung der Tierattribute bei Personifikationen in der Kunst des Mittelalters am Beispiel einer illustrierten Handschrift des "Etymachie"-Traktats

von Hayley Haupt (14.01.2010)

Am Ende einer spätmittelalterlichen Handschrift im Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek in München befindet sich ein illustriertes Traktat über die sieben Todsünden und sieben Tugenden. Dargestellt sind 14 geharnischte Krieger, reitend auf verschiedenen Tieren, mit Naturemblemen (meist tierischer Gestalt) auf Helm, Schild und Banner. Es handelt sich hier um eine Überlieferung des bedeutendsten "bildlich eingekleidete[n] Todsündentraktat[s] des Spätmittelalters"[1]: das so genannte Etymachie-Traktat. Dieses ursprünglich auf Latein verfasste Prosatraktat, dessen Autor unbekannt ist, stammt aus dem späten 14. Jahrhundert. Auch als volkssprachige Übersetzung in handschriftlicher und später in gedruckter Form erfreute sich die "Etymachie" hauptsächlich im heutigen österreichischen und bayerischen Raum während zweier Jahrhunderte großer Beliebtheit.

Mit seinen detaillierten Beschreibungen der Attribute im "Etymachie"-Traktat, eignet sich dieses besonders für Illustrationen. Nichtsdestotrotz wurde nur ein relativ kleiner Teil der erhaltenen Überlieferungen des Traktats illustriert und bisher sehr wenig erforscht. Ohne Zweifel ist die bildliche Tradition der "Etymachia" für Kunstwissenschaftler äußerst interessant und stellt einen wichtigen Aspekt zukünftiger Erforschung des Traktats dar. Ziel meiner Magisterarbeit war, anhand dieser bebilderten Handschrift die Bedeutung der Tierattribute bei Personifikationen in der Kunst des Mittelalters darzulegen. Wie üblich bei allegorischen Darstellungen, liegt die Bedeutung der Illustrationen des "Etymachie"-Traktats größtenteils in ihrer visuellen Konkretisierung der schriftlichen Vorlage.[2] Die 14 kolorierten Federzeichnungen des Münchener Traktats geben die Personifikationen samt ihrer Attribute in bildlicher Form beinah buchstäblich wieder. Durch das Erkennen ihrer verschiedenen Bestandteile und ihrer Bedeutung könnten sie, jedoch nur im Zusammenhang mit dem Text, von ihrem Betrachter auf eine gewisse Weise ‚gelesen’ werden. Jedoch geht es nicht nur um eine reine Umsetzung von Text im Bild. Mittels der dem Medium Bildkunst eigenen Darstellungsdetails, die das Auge des Rezipienten durch das Bild führen, heben einige der Bilder gewisse Aspekte der Tierauslegung hervor.[3]

München, Bayerische Staatsbibibliothek, Trägheit 1457. Kolorierte Federzeichnung.[Bildunterschrift / Subline]: München, Bayerische Staatsbibibliothek, Cgm 514, fol. 149v. Trägheit. 1457. Kolorierte Federzeichnung.

Bei der Illustration der Personifikation der Trägheit zum Beispiel scheint die im Text beschriebene und ausgelegte Gewohnheit des auf dem Schild abgebildeten Tierattributes – in diesem Fall ein Büffel – auf die Darstellung der Personifikation übertragen zu werden. Der Büffel erscheint wie das Schild parallel zum Rücken des Reiters; das Tier gibt den Anschein als würde es auf dem Schild stehen. Betrachtet man die Beschreibung und Auslegung des Büffels im Text, so scheint diese mit der außergewöhnlichen Positionierung des Schildes auf dem Rücken der Personifikation, sowie der Darstellung des Wappenbildes, zusammenzuhängen. Von der Natur des Büffels wird im Text des "Etymachie"-Traktats beschrieben, dass das Tier zu Boden fällt wenn ihm gegen seinen Willen eine schwere Last auferlegt wird. Der Büffel weigert sich im Folgenden so lange, sich vom Boden zu erheben, bis die Last gemindert wird. Die im Text beschriebene Verhaltensweise des Büffels hat keinen direkten Einfluss auf seine Darstellung (das Tier wird weder mit einer Last auf dem Rücken noch zusammengesackt auf dem Boden liegend dargestellt). Vielmehr scheint das Wappenbild bzw. das Tier selbst eine Bürde auf dem Rücken der tief nach vorne gebeugten Personifikation der Trägheit zu sein. Dieses Beispiel zeigt, dass Text und Bild hier in einer engen Beziehung zu einander stehen und sich wechselseitig erhellen.

Das "Etymachie"-Traktat bildet einen Teil der zum privaten Gebrauch erstellten Handschrift Georg Werders, eines Münchener Weinschenks. Dass dieses Traktat das einzige bebilderte Kapitel der Handschrift ist, zeigt die Überzeugung des Verfassers, dass die allegorisch eingekleidete moralische Lehre dieses spezifischen Traktats sich am besten parallel durch Schrift und Bild kommunizieren lässt. Obwohl die Tugenden und Laster im Zentrum des "Etymachie"-Traktats stehen, wurde die Vermittlung des Wesens dieser moralischen Konzepte ganz den Tierattributen überlassen. Im Text erfolgt dies zunächst durch die Beschreibung ausgewählter typischer Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen der Tiere und schließlich durch ihre moralische Auslegung. In bildlicher Form wird die allegorische Zusammenstellung von Tierattributen zur bildlichen Gliederung des zu behandelnden moralischen Konzepts.[4]

Die Verwendung allegorischer Auslegungen von Tieren erwies sich in vielerlei Hinsicht als ideales Mittel, das Laientum moralisch zu belehren. Die Tatsache, dass im Mittelalter Menschen und Tiere nah beieinander lebten, erklärt zum Teil den Erfolg der Tierauslegung in der mittelalterlichen Homiletik und der didaktischen Literatur: da sogar den einfältigsten Menschen die Eigenschaften und das Verhalten von Tieren vertraut waren, konnten Tierauslegungen hilfreich bei der Erklärung abstrakterer Konzepte sein, wie zum Beispiel moralischer Verhaltensweisen. Die Vorstellung, dass das Tier zur Ernährung und Belehrung des Menschen von Gott geschaffen wurde, wurde in Predigten und erbaulichen Schriften oft betont.[5] Die Bildlichkeit und der "stofflich bedingte Reiz" der Tierauslegung, besonders bei der Auslegung von exotischen und weniger bekannten Tieren, erlaubten Predigern und Autoren, ihre geistliche bzw. moralische Hauptaussage in einer unterhaltenden Form zu vermitteln. [6] Darüber hinaus bieten diese Bilder dem Rezipienten durch ihre erfinderischen und unterhaltsamen Darstellungsdetails, neue Einblicke und Deutungsmöglichkeiten der schriftlichen Vorlage.

Literaturnachweis

[1] Dietrich Schmidtke: Etymachietraktat. In: Ruh, Kurt (Hrsg.) u.a.: Die Deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Zweite völlig neu bearbeitete Auflage. Bd.2. Berlin u.a. 1980, Sp.636.

[2] Vgl. Joanne S. Norman: Metamorphoses of an Allegory. The Iconography of the Psychomachia in Medieval Art. New York u.a. 1988, S.208.

[3] Vgl. Norbert H. Ott: Literatur in Bildern. Eine Vorbemerkung und sieben Stichworte. In Lutz, Eckart Conrad (Hrsg.) u.a.: Literatur und Wandmalerei I. Erscheinungsformen höfischer Kultur und ihre Träger im Mittelalter. Freiburger Colloquium 1998. Tübingen 2002, S.188,190.

[4] Vgl. Norman 1988, S.208.

[5] Vgl. Leibbrand, Jürgen: Speculum bestialitatis. Die Tiergestalten der Fastnacht und des Karnivals im Kontext christlicher Allegorese. In: Moser, Dietz-Rüdiger (Hrsg.): Kulturgeschichtliche Forschungen. Bd.11. München 1989, S.266.

[6] Vgl. Schmidtke, Dietrich: Geistliche Tierinterpretation in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters, 1100-1500. 2 Bde. Berlin, Freie Universität, Philosophischen Fakultät, Diss., 1968, 78.


Hayley Haupt
Hayley Haupt
* 1981, USA

Stationen
  • Sept. 1999-Mai 2003
  • Studium am Oberlin College, Ohio mit dem Abschluss des Bachelor of Arts. Hauptfächer: Französisch und German Studies mit Schwerpunkt in Internationalen Beziehungen (Business, Wirtschaft, Geschichte, Sprachen)
  • Sept. 2002-Jan. 2003; Okt. 2008 – Febr. 2009
  • Auslandsaufenthalte: Université Marc Bloch, Straßburg in Französisch (Honors program) und Kunstgeschichte; École Normale Supérieur, Paris und Université de Paris Ouest Nanterre-La Défence
  • Okt. 2004-Juli 2007
  • Magisterstudiengang an der Universität Kassel in Germanistik und Kunstwissenschaft
  • Okt. 2007- Okt. 2009
  • Elitestudiengang Historische Kunst- und Bilddiskurse der KU Eichstätt, LMU und Universität Augsburg

Stipendien
  • Okt. 2007 – Okt. 2009
  • Max Weber-Programm der Studienstiftung des deutschen Volkes
  • 2008/2009
  • Mobilitätsstipendium des Bayerisch-Französischen Hochschulzentrums