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Forschungsarbeit

Das interkulturelle Paradigma

von Helene Haas (3.12.2009)

Die Interkulturalitätsforschung hat Konjunktur, doch ihre theoretische Reflexion kam bislang noch zu kurz. Helene Haas zeigt in ihrer Dissertation, dass sich das Fach Interkulturelle Kommunikation inzwischen zu einer vollwertigen akademischen Disziplin mit einem eigenen Paradigma entwickelt hat. Dabei stellt sich heraus, dass dieses Paradigma deutlich älter ist als bislang vermutet. Es geht auf die klassische Periode der Ethnologie zurück. Ausgehend von der damals schon geäußerten Kritik hinterfragt die Arbeit aktuelle Ansätze und zeigt, in welche Richtung die zukünftige Entwicklung gehen muss.

Die Anfänge der interdisziplinären Kulturforschung setzt die Arbeit bei der Culture and Personality-Schule der 1920er Jahre an. Unter der Führung des Linguisten und Kulturanthropologen Edward Sapir arbeiteten Ethnologen, Sprachwissenschaftler und Psychoanalytiker erstmals gemeinsam an der wissenschaftlichen Beschreibung und dem Vergleich nationaler Charakteristika. Diese Forschungsrichtung kam zu großer Bedeutung, als das amerikanische Militär während des Zweiten Weltkrieges Studien über den kulturellen Charakter von Feinden, Alliierten und eigenen Truppen in Auftrag gab. Mit der Wissenschaft vom Nationalcharakter entstand die wichtigste Inspirationsquelle der heutigen Interkulturalitätsforschung.

Den Kulturbegriff der Nationalcharakter-Forschung prägte die Konfigurationstheorie der Ethnologin Ruth Benedict. Diese vertrat die These, dass alle typischen Charaktereigenschaften einer Kultur logisch zusammenpassen und ein ästhetisch integriertes Ganzes bilden. Von der Ethnologie entlieh die Nationalcharakter-Forschung zudem die Methode der teilnehmenden Beobachtung. Auch die Psychoanalyse leistete bedeutende Beiträge zur Erforschung nationaler Charaktere. Auf der Basis individualpsychologischer Studien ermittelten Abram Kardiner und Ralph Linton die „basale Persönlichkeit“ nationaler Bevölkerungen. Darunter subsumierte das Forscherduo diejenigen Elemente der Persönlichkeitsstruktur, die alle Mitglieder einer Kultur aufgrund gemeinsamer Erfahrungen in der frühesten Kindheit teilen. Methodisch ergänzte die Psychoanalyse den ethnologischen Blickwinkel ebenfalls: Analytiker unterzogen Probanden aus der Zielkultur den standardisierten Tests ihres Faches, ermittelten ihre individuellen Persönlichkeitsprofile, prüften diese auf Überschneidungen und erklärten den gemeinsamen Nenner daraufhin zum Nationalcharakter. In Anlehnung an Freud sahen sie nationaltypische Persönlichkeitsstrukturen hauptsächlich als Produkt geteilter frühkindlicher Erfahrungen.

Das interkulturelle Pradigma. Deutsche und US-Amerikanische Flagge als speech bubbles.[Bildunterschrift / Subline]: Die Interkulturalitätsforschung führt Missverständnisse meist auf die nationale Prägung der Kommunizierenden zurück.

Auch die Soziologie leistete bedeutende Beiträge zur Nationalcharakter-Forschung. Mit dem Konzept des "sozialen Charakters" bezeichneten David Riesman und Erich Fromm diejenige Persönlichkeitsstruktur, die Bewohner einer Gesellschaft zwangsläufig entwickeln müssen, damit ihr System weiterhin funktioniert. Deutlich später entwickelte der Soziologe Alex Inkeles das Konzept der "modalen Persönlichkeit". Inkeles wertete die Statistiken großer Bevölkerungsumfragen aus und ermittelte daraus die häufigsten Charaktermerkmale jeder Kultur.

Betrachtet man die gemeinsamen Prämissen aller Nationalcharakter-Studien, so fällt zuvorderst die Praxisorientierung der Forschungsrichtung ins Auge. Um ihren militärischen Auftraggebern jedoch einfache Handlungsempfehlungen geben zu können, mussten Wissenschaftler die Komplexität ihrer Zielkulturen stark reduzieren. Sie arbeiteten daher mit der Prämisse homogener, kohärenter und stabiler Nationalkulturen, schrieben jedem Nationalstaat einen einzigartigen Charakter zu und arbeiteten seine vorherrschenden Werte heraus. Mit Freud glaubten Nationalcharakter-Forscher, kulturelle Muster würden bereits im Kleinkindalter fast irreversibel verinnerlicht.

In zweiten Abschnitt ihrer Dissertation befasst sich Helene Haas mit der aktuellen Forschung. Ein Blick in die deutsche Forschungslandschaft zeigt zwar, dass Interkulturelle Kommunikation meist noch nicht als eigenständiges Fach auftritt, sondern einen Teilbereich etablierter akademischer Disziplinen bildet. Dennoch kann die Dissertation beweisen, dass die Interkulturelle Kommunikation inzwischen mit Fug und Recht als vollwertige Disziplin bezeichnet werden kann, da sie über ein eigenes Paradigma verfügt.

Die ersten interkulturellen Studien wurden von amerikanischen Kommunikationswissenschaftlern durchgeführt. Diese Pioniere gründeten innerhalb der universitären Disziplin der Speech Communication Studies bereits in den frühen 1970er Jahren Abteilungen für Interkulturelle Kommunikation. In Deutschland dagegen entstand das Fach aus verschiedensten Mutterdisziplinen heraus. Aus linguistischer Perspektive untersucht die Kontrastive Pragmatik den kulturspezifischen Gebrauch einzelner Sprechakte und Sprachhandlungen. Die Interpretative Soziolinguistik erweitert diesen Ansatz und analysiert gesamte Interaktionssequenzen, während sich die Interkulturelle Wirtschaftskommunikation auf die sprachliche Ebene geschäftlicher Kulturbegegnungen spezialisiert. Die Fremdsprachendidaktik sieht es zunehmend als ihre Aufgabe, neben Sprachkenntnissen auch interkulturelle Kompetenz zu vermitteln. Die Interkulturelle Narratologie wiederum geht der Frage nach, wie Stereotype, Konflikte und Abgrenzungen in Erzählungen umgesetzt werden.

Psychologische Ansätze spielen in der Interkulturellen Kommunikation ebenfalls eine bedeutende Rolle. Die Kulturen vergleichende Psychologie arbeitet mit Modellen universell messbarer Kulturdimensionen, während die Kulturstandardforschung für jede Kultur einen eigenen Katalog zentraler Eigenschaften ermittelt. In den Wirtschaftswissenschaften verfolgt die interkulturelle Managementlehre die Zielsetzung, Mitarbeitern internationaler Konzerne wissenschaftlich fundierte Ratschläge für grenzüberschreitende Verhandlungen oder Personalentscheidungen zu geben, während sich die interkulturelle Marketingforschung mit der Massenkommunikation von Konzernen zu Verbrauchern beschäftigt. Auch die Bedeutung der Migrationsforschung wächst stetig. Linguisten analysieren unvermeidliche, aber konfliktgeladene Kontaktsituationen zwischen Migranten und Vertretern der Mehrheitskultur in Behörden, Schulen und Krankenhäusern. Die ethnologische Diasporaforschung dagegen beschäftigt sich meist mit den Erfahrungen von "Elitemigranten" wie Managern oder Austauschstudenten, die freiwillig ins Ausland gehen.

Eine Synopse dieser unterschiedlichen Ansätze zeigt, dass Interkulturalisten stets praxisorientiert arbeiten und kulturelle Besonderheiten durch die Gegenüberstellung unterschiedlicher Kulturen ermitteln. Da Kulturen in der wissenschaftlichen Beschreibung aber niemals in all ihren Facetten abgebildet werden können, erfordert ihr Vergleich stets auch Komplexitätsreduktion. Leider vernachlässigen viele Studien dabei den kulturellen Wandel. Auch die Entitätsbegriffe verbinden alle Perspektiven. Wird Kommunikation zwischen Kulturen untersucht, müssen diese voneinander abgrenzbar sein. Wird zudem vorausgesetzt, dass sich Kommunikation zwischen Kulturen schwieriger gestaltet als innerhalb einer Kultur, impliziert dies interkulturelle Differenz und intrakulturelle Homogenität. Weiterhin fällt auf, dass sich das Gros der Untersuchungen auf Nationen bezieht. Inhaltlich werden Landeskulturen meist anhand ihrer zentralen Werte charakterisiert. Viele Interkulturalisten glauben an die Kohärenz dieser Grundeinstellungen. Auch die Annahme einer mächtigen und determinierenden Kultur übernehmen die Forscher von ihren wissenschaftlichen Vorläufern.

In ihrer Dissertation arbeitet Helene Haas die überraschende paradigmatische Kontinuität zwischen Nationalcharakter-Forschung und Interkultureller Kommunikation heraus. Sie präsentiert damit einen innovativen Befund, denn bislang sieht das Gros der Fachvertreter Edward T. Hall als "Gründervater" ihrer Disziplin. Wenn heute noch mit einem Paradigma aus der Zeit des Zweites Weltkrieges gearbeitet wird, muss dieses sehr genau überprüft werden.

Im Zeitalter von Globalisierung, verstärkter Migration und kultureller Hybridisierung muss die Interkulturelle Kommunikation ihr ererbtes Paradigma an die Dynamik und Heterogenität moderner Kulturen anpassen. Die Dissertation von Helene Haas verleiht dieser Forderung Nachdruck. Ihr letzter Abschnitt widmet sich der Frage, in welche Richtung die zukünftige paradigmatische Entwicklung gehen sollte. Wichtig ist sicherlich, dass Forscher aller Weltkulturen zu Wort kommen und die Perspektiven nicht-westlicher Wissenschaftler verstärkt berücksichtig werden. Den Abschluss bildet ein Ausblick auf innovative Ansätze, die transnationale Prozesse, kulturelle Heterogenität, Hybridisierung und Dynamik stärker berücksichtigen als das gängige Paradigma. In diese Richtung sollte weitergeforscht werden.


Dr. Helene Haas
Dr. Helene Haas
*1982, Ingolstadt

Stationen
  • 10/2001 – 10/2006
  • Universität Passau: Sprachen-, Wirtschafts- und Kulturraumstudien, Diplomarbeit: "Probleme der kulturvergleichenden Umfrageforschung"
  • 09/2003 – 05/2004; 09/2007 – 10/2007
  • Auslandsstudium an der University of South Alabama, Mobile (AL) und Forschungsaufenthalt an der University of Puget Sound, Tacoma (WA)
  • 11/2006 – 04/2009
  • Promotion an der Universität Passau mit dem Prädikat summa cum laude, Thema: "Das interkulturelle Paradigma"
  • seit 09/2009
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstul für International Business an der Unversität Tübingen

Stipendien
  • 10/2001- 10/2005
  • Stipendium nach dem Bayerischen Begabtenförderungs-
  • 09/2003 – 05/2004
  • Tuition waiver des Austauschprogramms Passau - Mobile
  • 11/2005 – 03/2007; 05/2007 – 04/2009
  • Max Weber-Programm und Forschungsstipendium des Elitentezwerks Bayern
  • 02/2007 – 04/2007
  • Graduiertenstipendium der Hansen-Stiftung

Veröffentlichungen
  • Monographie
  • Das interkulturelle Paradigma, Schriften der Forschungsstelle Grundlagen Kulturwissenschaft Bd. 2, Passau 2009.
  • Herausgeberband
  • Probleme empirischer Kulturforschung", Sonderausgabe des Interculture Journal 10/2009, Jena (in Vorbereitung).
  • Artikel
  • Probleme der kulturvergleichenden Umfrageforschung, in: Interculture Journal 5/2007, Jena, S. 3-20.
  • Übersetzungsprobleme in interkulturellen Befragungen, in: Interculture Journal 10/2009 ( in Vorbereitung).