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Forschungsarbeit

Renaissance der Wirtschaftsethik

von Christopher G. Große (13.2.2009)

In Zeiten der Krise wird der Ruf nach Verantwortung und Moral in der Wirtschaft lauter –
doch wie lässt sich Unternehmensethik praktisch umsetzen und wirkungsvoll kommunizieren?

Im Angesicht der Finanzkrise und ihrer weltweiten Folgen herrscht auf einmal Einigkeit zwischen vielen Politikern und zahlreichen Wirtschaftswissenschaftlern: Die freien, unregulierten Märkte haben versagt. Laut ertönt der Ruf nach einem ordnenden Rahmen und stärkerer staatlicher Kontrolle von Wirtschaftssystem und Unternehmen. Dabei wäre die Wirtschaft durchaus selbst dazu in der Lage, krisensichere Strukturen zu schaffen. Dazu müssen sich wirtschaftliche Akteure ihrer Verantwortung bewusst werden – und ihrer Verpflichtung, nachhaltig zu handeln.
Im Zuge der Globalisierung expandierte die Wirtschaft über nationalstaatliche Grenzen hinaus, Unternehmen wurden zu globalen Playern, die sich zunehmen von Politik und Gesetzen emanzipieren konnten, weil es an einem transnationalen Regelrahmen fehlt. Das und die vielfältigen sozialen Folgen der Globalisierung machen eine grundlegend neue Verhältnisbestimmung zwischen ökonomischer Sachlogik und ethischer Vernunft erforderlich. Die gegenwärtige Krise lässt globale Konzerne, die nachhaltiges Wirtschaften bisher noch für teuer oder überflüssig hielten – zuweilen schmerzlich – begreifen, dass Wachstum und Profite begrenzt sind, dass unternehmerisches Handeln nicht im luftleeren Raum oder in einem abgeschlossenen System stattfindet, sondern weltweit Folgen zeitigt. Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft bedingen sich immer wechselseitig. Erst wenn Unternehmen ökonomische, ökologische und soziale Aspekte gleichermaßen und gleichberechtigt berücksichtigen, ist langfristiger wirtschaftlicher Erfolg ist möglich.

Montage eines Füllerautomaten. Bildquelle: Krones AG[Bildunterschrift / Subline]: Montage eines Füllerautomaten der oberpfälzischen Krones AG. Langfristiger wirtschaftlicher Erfolg ist nur möglich, wenn unternehmerisches Handeln die Interessen der Mitarbeiter berücksichtigt.

Meine Abschlussarbeit „Wirtschaften zwischen Ethik und Ökonomik“ aus dem interdisziplinären geisteswissenschaftlichen Studiengang „Ethik der Textkulturen“ setzt sich damit auseinander, warum die Entwicklung der Ökonomie in der Moderne, die Möglichkeiten globaler Märkte, aber auch die veränderten gesellschaftlichen Ansprüche die Entwicklung, Etablierung und konkrete Anwendung einer zeitgemäßen Wirtschafts- und Unternehmensethik, aber auch die Diskussion ihrer Begründung unabdingbar machen. Ich zeige, wie und warum Unternehmen als korporative Akteure sowohl die Möglichkeit als auch – aufgrund globaler ökonomischer, ökologischer und sozialer Herausforderungen und einer entsprechenden Erwartungshaltung unterschiedlicher gesellschaftlicher Anspruchsgruppen (sog. Stakeholder) – die Verpflichtung haben, verantwortungsvoll zu handeln.
In den vergangenen Jahren hat sich innerhalb vieler Unternehmen ein Bewusstsein dafür herausgebildet, dass für den zukünftigen Erfolg neue Steuerungsmodelle der Unternehmenspolitik und -führung vonnöten sind, die die Erwartungen von Medien und Öffentlichkeit einbeziehen und die Bedürfnisse von Umwelt und Gesellschaft nicht außer Acht lassen. Einflussreiche Unternehmenslenker, wie der Vorstandsvorsitzende der Porsche AG, Wendelin Wiedeking, stellen öffentlich den Sinn und Nutzen reiner Profitmaximierung in Frage: „Ohne Gewinn geht es natürlich nicht, wer weiß das besser als ich. Aber ein möglichst hoher Gewinn kann doch nicht das einzige Ziel eines Unternehmens sein.“
Anhand eines exemplarischen Falls stelle ich in meiner Arbeit dar, wie Unternehmen verstärkt ihre soziale Verantwortung als gesellschaftliche Akteure wahrnehmen, auf unterschiedliche Weise thematisieren und ihr Handeln an Schlagworten und Leitbildern wie Corporate Social Responsibility (CSR) und Nachhaltigkeit ausrichten. Basierend auf einer umfassenden Untersuchung und Abwägung wirtschaftsethischer Theorien wird CSR in der Arbeit als ein den Prinzipien der Nachhaltigkeit und einem ehrlichen Stakeholderdialog verpflichtetes Management- und Kommunikationskonzept zur Umsetzung verantwortlichen unternehmerischen Handelns entwickelt, das unabdingbar eines verbindlichen unternehmensethischen Fundaments bedarf. Ich stelle die Hypothese auf, dass ein auf ethischen Kriterien basierendes CSR-Konzept eine Brückenfunktion zwischen einer Unternehmensethik und den daraus abgeleiteten moralischen Anforderungen an die Wirtschaftsunternehmen und der instrumentellen Rationalität der Ökonomie einnehmen kann. Unternehmerisches Profitstreben allein stellt kein hinreichendes und legitimierendes Formalziel des Wirtschaftens dar -  eine einzig auf ökonomische Rationalität gründende Theorie gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen greift notwendigerweise zu kurz. Wirtschaften ist kein Selbstzweck und bleibt stets in den Kontext der ethischen Grundfragen gestellt, die damit die Unternehmen als Akteure betreffen. Die von Erfolg und Konkurrenz bestimmten Imperative wirtschaftlichen Handelns stehen immer zugleich in Wechselwirkung mit den Imperativen gesellschaftlichen Gemeinwohls und humaner Lebensverhältnisse. Die Wirtschaftsethik umfasst dabei die Summe der Aufgaben und Ziele wirtschaftlichen Handelns sowie der Ordnungen und Regeln, kraft derer die Ökonomie mit den Aufgaben einer menschenwürdigen politischen Kultur verkoppelt ist.

Bildquelle: Krones AG[Bildunterschrift / Subline]: Verantwortliches unternehmerisches Handeln wird von den Mitarbeitern honoriert, weckt aber auch ethische Ansprüche an den Arbeitgeber.
Bildquelle: Krones AG[Bildunterschrift / Subline]: Mitarbeiter würdigen ein sicheres, umweltfreundliches, gesundes und ergonomisches Arbeitsumfeld. Wie hier bei der Krones AG in Neutraubling können Unternehmen so ihre Mitarbeiter motivieren und ihren langfristigen wirtschaftlichen Erfolg sichern.

Im praktischen Teil der Arbeit untersuche ich auf Basis zweier bei der Krones AG im oberpfälzischen Neutraubling durchgeführter empirischer Fallstudien, in welcher Weise sich verantwortliches und nachhaltiges unternehmerisches Handeln auf die Mitarbeiter eines Unternehmens als zentrale Stakeholdergruppierung und Adressaten von CSR-Maßnahmen auswirkt. Dabei zeige ich, dass sich durch die Umsetzung eines den Kriterien von Verantwortung und Nachhaltigkeit verpflichteten Management- und Kommunikationskonzepts bei den Mitarbeitern ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Bedeutung von Unternehmensethik und ihrer praktischen Ausformung im Rahmen von CSR schaffen lässt. Zugleich werden dadurch unter den Stakeholdern ethische Ansprüche geweckt und begründbar gemacht. Das Unternehmen sensibilisiert sich durch die Entwicklung und Umsetzung des Managementkonzepts der CSR also gewissermaßen selbst für die Relevanz der unternehmensethischen Fundierung seiner Handlungen, während bei den Stakeholdern als Adressaten durch das Kommunikationskonzept der CSR ein Bewusstsein für die Wichtigkeit einer auf unternehmenethischen Kriterien fußenden Handlungsweise geweckt wird. Daraus wiederum resultiert ein ethischer Anspruch der Stakeholder, der sich nicht nur an den kommunikativen Prozess richtet, sondern auf einer metakommunikativen Ebene auch wieder an das Unternehmen als Kommunikator und korporativen Akteur adressiert ist. Diesem Anspruch an eine ständige Weiterentwicklung des Management- und Kommunikationskonzepts gerecht zu werden, ist eine wesentliche unternehmerische Herausforderung, aber auch eine große Chance für die Unternehmenskommunikation: Sie kann als Steigbügelhalter die wichtige Brückenfunktion, die der Unternehmensethik zukommen kann, befördern und so nicht zuletzt auch die eigene Werthaltigkeit unterstreichen.


Christopher G. Große, M.A.
* 1979

Stationen
  • seit 2008
  • Promotion in Sozialethik am Lehrstuhl für Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen der Universität Augsburg bei Prof. Dr. Bernd Oberdorfer
  • Feb. – Juni 2008
  • Diplomand bei Krones AG, Neutraubling, Abt. Corporate Communications
  • April 2006 – Sept. 2008
  • Elitestudiengang Ethik der Textkulturen, Abschluss: M.A.
  • 2005 - 2007
  • Stud. Hilfskraft am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre (Schwerpunkt Produktions- und Umweltmanagement der Universität Augsburg)
  • April 2004 – Okt. 2006
  • Studium der Germanistik und Geschichte auf Gymnasiallehramt, Universität Augsburg
  • April 2001 – März 2004
  • Studium der Geschichte und Deutschen Philologie auf Gymnasiallehramt, TU Berlin

Weitere Stationen
  • seit Jan. 2009
  • Projektentwickler / Konzepter beim Berufsbildungszentrum Augsburg der Lehmbaugruppe gGmbH
  • Okt. - Nov. 2008
  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter am IT-Servicezentrum der Universität Augsburg
  • seit 2005
  • Verlagsleitung des studentischen Magazins presstige, Augsburg (seit 2008: Herausgeber)
  • 2000 - 2003
  • Public Relations Manager / Assistant PR/IR Manager bei der I-D Media AG, Berlin