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Forschungsarbeit

Tourismus im Allgäu der 1920er bis 1950er Jahre – Konstitutionsphase einer Tourismusregion

von Rudolf Götz (30.06.2009)

"Der Fremdenverkehr ist ein Schlüsselgewerbe im Allgäu. Blüht der Fremdenverkehr, geht’s auch dem gesamten Allgäuer Wirtschaftsleben gut. [...] Denn der nun beginnende neue Fremdenverkehr soll von vornherein auf den Boden der Heimat gestellt werden. Die guten Kurgäste, das hat sich in vielen Jahren bewahrheitet, bleiben dort am liebsten, wo keine Pseudogroßstadt mit allen Auswüchsen, sondern bodenverwurzelte Heimat ist. So soll es wieder werden: Der Kurgast muß fühlen, daß er bei einem heimatstolzen Volk ein gerngesehener Gast ist." (Der Allgäuer, Was wird aus dem Allgäuer Fremdenverkehr?, 31.7.1948)

Das vorzustellende Dissertationsprojekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Beispiel des Allgäus den Konstitutionsprozess einer Tourismusregion zu untersuchen. Dabei bieten sich die Konzepte der "modernen Regionalgeschichte" an, welche den Konstruktcharakter von Räumen betont und nach den dahinter stehenden Interessen, Akteuren und Netzwerken fragt. Übertragen auf ein Fremdenverkehrsgebiet bedeutet das: Ein touristischer Raum existiert nicht naturgegeben, er muss geschaffen, beworben und immer wieder neu belebt werden – auf lokaler wie auch auf regionaler Ebene. Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, welche Kommunikationsprozesse – etwa auf Verbandsebene – die Konstitution einer Tourismusregion begleiten, welche Akteure innerhalb dieses Umfeldes agieren und welche Bilder und Botschaften in der Tourismuswerbung transportiert werden. Als veränderbare Konstrukte stiften Regionen Identität, hinterfragt werden demnach auch die Auswirkungen des Tourismus auf die Eigenwahrnehmung und die Identitätsbildung innerhalb des Allgäus.

 

Der gewählte Untersuchungszeitraum erstreckt sich vom Ende des Ersten Weltkrieges bis in die 1950er Jahre und ist gekennzeichnet durch den Wandel eines zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch lokal und privat organisierten "Phänomens" Fremdenverkehr hin zu einer regional und professionell betriebenen Vermarktung des Tourismusprodukts Allgäu. Signifikant für die Entwicklung der Tourismuswirtschaft ist eine zunehmende Modernisierung und Diversifizierung des Angebots. Die Arbeit beschränkt sich dabei nicht auf kulturgeschichtliche Analysen auf der Mesoebene der Region. Ergänzend hierzu wird dem Fremdenverkehr in seiner wirtschaftlichen Bedeutung mittels wirtschaftsgeschichtlicher Fragestellungen nachgegangen: Dabei werden einerseits exemplarisch lokale Verdichtungen vorgenommen, andererseits wird auch die Struktur- und Wirtschaftspolitik auf regionaler und Landesebene einbezogen. Im genannten Zeitraum schufen zahlreiche Gemeinden die Grundlagen für die Tourismusregion Allgäu und räumten dem Fremdenverkehr sukzessive einen zentralen wirtschaftlichen Stellenwert ein. In den 1920er Jahren wurde der Fremdenverkehr verstärkt als Wirtschaftsfaktor wahrgenommen und zu einem festen Bestandteil der (kommunalen) Wirtschaftspolitik ausgebaut. War die Organisation des Fremdenverkehrs vor dem Ersten Weltkrieg noch eine Angelegenheit privater Verschönerungs- und Verkehrsvereine, so griffen nun Reich, Länder und Kommunen angesichts der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung stärker in den Tourismus ein. Gleichzeitig bildeten sich auch regionale Fremdenverkehrsverbände, die als einflussreiche Kommunikatoren eine erfolgreiche Lobbyarbeit praktizierten und den Tourismus weiter forcierten. Diese Entwicklung wurde im Nationalsozialismus unter autoritären Vorzeichen fortgeführt – das Fremdenverkehrswesen wurde gleichgeschaltet, hierarchisiert und zentralistisch ausgerichtet. Als wichtiges Zielgebiet der KdF-Reisen und aufgrund der gegen Österreich verhängten Grenzsperre konnte das Allgäu zunächst von der Fremdenverkehrspolitik des NS-Staates, wie sich an teils erheblich steigenden Übernachtungszahlen verdeutlichen lässt, profitieren. Nach dem massiven Einschnitt des Zweiten Weltkriegs und seinen Folgen standen die Reorganisation und die weitere Ausgestaltung des Fremdenverkehrssektors im Vordergrund – die 1950er Jahre fungierten somit als Ausgangsbasis für die Boomphase des Tourismus in den folgenden Jahrzehnten. Diesen langfristigen Prozess zu analysieren, hat sich die Dissertation zum Ziel gesetzt – letztlich geht es darum, die Veränderung einer Region durch den einsetzenden modernen Massentourismus in einer "longue durée"-Perspektive mittels kultur- und wirtschaftsgeschichtlicher Fragestellungen zu analysieren.


Rudolf Götz
* 1980

Stationen
  • 2002-2007
  • Magisterstudium der Neueren und Neuesten Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaft an der Universität Augsburg
  • seit 2007
  • Promotion

Veröffentlichungen
  • Das kommunale Problem der Wohlfahrtserwerbslosen. Die Fürsorgepolitik des Augsburger Wohlfahrtsamtes im Nationalsozialismus, in: Michael Cramer-Fürtig und Bernhard Gotto (Hg.), "Machtergreifung" in Augsburg. Anfänge der NS-Diktatur 1933-1937, Augsburg 2008