ELITE NETZWERK BAYERN

English  Sprachen Icon  |  Gebärdensprache  |  Leichte Sprache  |  Kontakt


Forschungsarbeit

„Der Mensch überlebt durch seine Fähigkeit zum Vergessen“ (Varlam Schalamov): Individuelle und kollektive Erinnerung an die Stalinzeit im heutigen Russland

von Ekaterina Makhotina (29.10.2008)

Medvež’egorsk anno 2008 ist eine vergessene russische Provinzstadt im Nordosten Kareliens, die reich an Reminiszenzen an die sowjetische Vergangenheit ist. Die Straßennamen ehren immer noch die bolschewistischen Revolutionsführer, die Schlüsselfiguren der Sowjetgeschichte sind im öffentlichen Raum durchaus als Denkmal präsent.

In den 1930er Jahren, Zeit der forcierten Industrialisierung unter Stalin und des ersten Fünfjahresplans entstand hier das erste Arbeitslager: Hunderte Tausende der GULAG- Häftlinge bauten hier den Weißmeerkanal, welcher das Weißmeer mit der Ostsee verbinden sollte. Gleichzeitig mit der Errichtung des Kanals entstand die Stadt Medvež’egorsk samt Infrastruktur, Gasthäuser, Theater und Schulen.

[Bildunterschrift / Subline]: Weißmeerkanal als Baustelle: Probestart im Mai 1933. Der 227 km lange Weißmeerkanal wurde in weniger als zwei Jahren (1931-1933) durch die Häftlinge des BelBaltLags gebaut. (Zentrale Foto- und Kinoarchiv Kareliens, 1933)

Der Weißmeerkanal, Geschichte seiner rekordschnellen Errichtung und seine Bedeutung für den infrastrukturellen Aufbau in der karelischen ASSR, wurde zum Signum der Industrialisierung, zum „Laboratorium der Stalinschen Moderne“, und bekam einen festen Platz in der sowjetischen Erinnerungskultur. Medvež’egorsk ist eine Metapher der Propaganda und Anti-Propaganda zugleich: Neben dem Weißmeerkanal, dem „wunderlichsten Bauwerk des 20. Jahrhunderts“ (A. Solženicyn) befindet sich nahe der Stadt eine der größten Gedenkstätten für Opfer des stalinschen Terrors, Sandormoch. Im Rahmen des sog. „Großen Terrors“, fanden hier 1937-38 Massenexekutionen des NKWD statt, denen Tausende Menschen zum Opfer fielen. Beide historische Topoi – Weißmeerkanal und Sandormoch -  verbindet ihre Präsenz in einem Erinnerungsraum von Medvež’egorsk: Hier leben Menschen, die durch ihre Familiengeschichte mit dem Kanalbau verbunden sind oder Angehörige der Opfer des Großen Terrors.

Die zwei „Gedächtnisorte“ (Pierre Nora), divergierend in ihrer Entstehungsgeschichte, diskursiven und erinnerungskulturellen Praktiken (heroische vs. traumatische Erinnerung) sind die Hauptfiguren meiner Untersuchung.  Im Rahmen der lokalbezogenen Studie gehe ich der  Frage nach, wie an die Stalinzeit „erinnert“ sowie die Stalinepoche aus dem Prisma der heutigen Zeit reflektiert und bewertet wird. Gestützt auf den theoretischen Ansatz von Jan und Aleida Assmann zur Typologie der Erinnerungskultur werden die Gedächtnisorte von mehreren Perspektiven betrachtet: Das Ziel dabei ist, den Platz dieser Orte im kulturellen (Diskurs, Denkmal, Zeremonien) und kommunikativen (Familienkommunikation, individuelle Erinnerung) Gedächtnis festzuhalten.

Die Analyse der Museen und Denkmäler im Raum Medvež’egorsk, die Auswertung der Presseberichterstattung zu sozialen Praktiken an den Gedenkorten sowie mehrere Gespräche mit den Zeitzeugen und jüngeren Stadtbewohnern erlaubte mir, ein umfassendes Bild von der Erinnerung der heutigen Russen an die Stalinzeit zu zeichnen. Sowohl im kulturellen Gedächtnis,  als auch in der individuellen Erinnerung der Menschen herrscht eine logische Dissonanz in Bezug auf  Bewertung der Stalinschen Epoche vor: Die heroisierende Interpretation der Modernisierungsgeschichte (z.B. Weißmeerkanal, der durch die Schwerstarbeit gebaut wurde) existiert neben dem privaten Trauma des Familienverlusts durch den staatlichen Terror (z. B. Praxis der individuellen Gedenkrituale auf dem Friedhof Sandormoch). Die „negative Erinnerung“ an Mechanismen und Folgen des staatlichen Terrors wurde nicht zum Bestandteil der Geschichtspolitik und des kollektiven Gedächtnisses.  Die individuellen Lebenswege, durch Verdrängung und Vergessen umgeformt oder ins Positive umgewertet, stehen unmittelbar in Verbindung mit den tradierten Geschichtsbilder der Sowjetzeit, welche immer noch ein wichtiges Kapital für identitätsstiftende Konzepte bieten.

Dokumentarfilm „Erinnerung an die Stalinzeit in Karelien“

(entstanden auf Ekaterina Makothinas Forschungsreise nach Medgora,
gedreht und geschnitten von Irina Papakhova, Universität Tübingen)


Stationen
  • 1999 - 2001
  • Studium der Neuen und Neuesten Geschichte an der Staatlichen Universität St. Petersburg
  • 2002-2006
  • Bachelorstudium der Neueren und Neuesten Geschichte und Multimedia an der Universität Karlsruhe (TH), studiumsbegleitend: Zusatzstudium „Bohemicum“ an der Universität Regensburg
  • 2006 - 2008
  • Masterstudiengang Osteuropastudien, Fachrichtung Geschichte Osteuropas und Politikwissenschaft
  • Seit Oktober 2008
  • Promotionsstudium im Fach Geschichte Osteuropas (Betreuer: Prof. Dr. Martin Schulze Wessel), Thema: „Doppelte Besatzung“ im Museum: Musealisierung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in den Baltischen Staaten.

Veröffentlichungen
  • Rezensionen für Jahrbücher für Geschichte Osteuropas und Archiv-Letter Osteuropa, OEZ Berlin
  • Artikel für die Wochenzeitschrift "Die Welt"
  • Beiträge für die Stipendiatenzeitschrift der Friedrich-Ebert-Stiftung "Forum"
  • Palač – geroj – žertva: Pamjat’ o speclagere v Germanii na primere Memoriala Saksenhauzen. („Dr. Heinze – Täter – Opfer – Held? Auseinandersetzung um das Speziallagermuseum in der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen" (erscheint April 2009 im Sammelba
  • Dokumentarfilm „Erinnerung an die Stalinzeit in Karelien“ (Inhaltliche Konzeption, Recherche, Drehbuch und Interviewführung) (abrufbar auf dieser Internetseite!)