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Forschungsarbeit

Symbole der Unterdrückung – neu verwendet

Von Carolin Egelseer (02.10.2008)

„Das müsse irgendwie der Staat machen, es müsse eine nationale Mahn- und Gedenkstätte werden […]“ (Interview mit Jörg Drieselmann, Museumsdirektor, Berlin 2008).

„ The Securitate is a part of public discussion only for a minority of people, a loud minority” (Interview mit Bogdan Murgescu, Historiker, Bukarest 2008).

“Well, I’ve been arrested there. I have been tortured there. So I belong to that group that doesn’t accept at all the transformation of the building into the luxury apartment building”
(Interview mit Fernando Rosas, Politiker, Lissabon 2008.)


Dies sind verschiedene Antworten, die wir in unserer Projektgruppe1 des „Studienkolleg zu Berlin“2  „Politik in Stein. Der Umgang mit historisch geladener Architektur“ auf die Fragen erhalten haben, wie mit Geheimdienstgebäuden nach der Wende autoritärer Regime umgegangen wird, welche Einstellungen verschiedener Meinungsgruppen existieren und welche Art von Transformation sich bezüglich der Gebäude postrevolutionär vollzogen hat.

Der Fokus der Analyse ist gerichtet auf die ehemalige Hauptzentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin, das frühere Gebäude der Securitate in Bukarest und den Paço do Duque (Palast des Herzogs) in Lissabon, in dem sich die PIDE (Polícia Internacional de Defesa do Estado) befand.

In der Hauptstadt im Norden stellt das jetzige Museum im ehemaligen Stasi-Gebäude ein Zeugnis der Nachwehen der Bürgerrechtler- und Dissidentenbewegung in der DDR dar und ist noch genauso erhalten, wie es in den 80er Jahren aussah: als das Haus 1 der ehemaligen Hauptzentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in der Normannenstrasse in Berlin-Lichtenberg. Anders als das Quartier der Securitate in Bukarest, wurde die Stasi-Zentrale eigens für ihren Zweck erbaut: 1950 bezogen blieb sie auch bis zur Revolution 1990 die Hauptzentrale und unter anderem das Büro des Ministers Mielke. Am 15.01.1990 stürmten Demonstranten die Zentrale und besetzten sie. Knapp eine Woche später beschloss der Zentrale Runde Tisch, dass das Haus 1 eine „Gedenk- und Forschungsstelle zum DDR-Stalinismus“ werden solle, wobei zu dieser Zeit noch nicht geklärt war, wie sich die Trägerschaft dieses „lieu de mémoire“ gestalten sollte. Da eine staatliche Lösung aufgrund der politischen Umbruchsituation nicht denkbar war, bildete sich noch im gleichen Jahr ein privater Verein („Antistalinistische Aktion Berlin-Normannenstraße e.V.“), der wenig später im ehemaligen Büro Mielkes eine Ausstellung eröffnete und bis heute dort ein Museum betreibt. Der Umgang mit und die Wahrnehmung des Gebäudekomplexes in der Normannenstraße muss vor dem Hintergrund der Erinnerungskultur in Deutschland gesehen werden:
da die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur häufig mit der verzögerten des NS-Regimes verglichen wurde, sollte durch die Museumsgründung ein authentischer Ort geschaffen werden, um somit auch den Fehlern in der NS-Aufarbeitung vorzubeugen3.
Was die Aussagen der verschiedenen Meinungsgruppen zur Umwandlung des Gebäudes betrifft, so besteht weitgehend Konsens: die Befragten schätzen die Errichtung des Museums als naheliegende und richtige Umwandlung ein. Tendenziell divergieren die Meinungen hinsichtlich der Trägerschaft des Museums, der Qualität der Ausstellung und die Art der Erinnerung an die DDR im Allgemeinen.

Am Platz der Revolution in Bukarest befindet sich das frühere Quartier der Securitate, die „Direktion V“. Als 1989 das Ceauşescu- Regime zu zerbröckeln anfing und sich die Anarchie im Land ausbreitete, wurde das Gebäude zerstört.
Die noch erhaltene Ruine wurde nach der Revolution der rumänischen Union der Architekten übertragen, die 2002/2003 eine moderne Glaskonstruktion inmitten der alten Ruine errichtete. Zwar wurde die Securitate genauso wie die Stasi als omnipräsente Macht wahrgenommen, aber dennoch wurde der Geheimdienst – anders als in Ostdeutschland – nicht mit einem bestimmten Ort assoziiert. Was den Umgang mit der Geschichte angeht, so werden die 60er und 70er mit einer gewissen Nostalgie in Verbindung gebracht, die Verbrechen der nationalkommunistischen Phase und die Misere der 80er werden weitgehend verdrängt. Zusätzlich besteht bei den politischen Führungseliten in Rumänien große personelle Kontinuität, auch über 1989 hinaus, was auch die Vorstellung einer paternalistischen Beschützerrolle und die politische Passivität der Bevölkerung impliziert.
Wie wird nun die Transformation des Gebäudes beurteilt? Ganz evident unter den Meinungsgruppen ist das generelle Desinteresse an der Historie des Gebäudes. Niemand hat anscheinend ein Problem damit, dass der Securitate-Sitz in ein Bürogebäude verwandelt wurde, auch die darin praktizierenden Architekten nicht: „No, no signification. We’re only architects4“ . Ähnlich wie in Berlin besteht also Konformität mit dem Ergebnis der Transformation, der ästhetische Wert des Gebäudes evoziert dagegen unterschiedliche Ansichten.

Das ehemalige Gebäude der Securitate am Platz der Revolution[Bildunterschrift / Subline]: Das ehemalige Gebäude der Securitate am Platz der Revolution in Bukarest. 1884 erbaut, war es zuerst im Besitz einer österreichischen Versicherungsgesellschaft. Ab den 70er Jahren gehörte es der Securitate und war das Hauptquartier der „Direktion V“.

Das untersuchte Gebäude im Westen Europas befindet sich im vornehmen Lissabonner Innenstadtviertel Chiado und gehört seit 1401 der Familie der Herzöge von Bragança. Die politische Polizei PIDE des rechtsautoritären Regimes unter Salazar mietete den Komplex und errichtete dort ihre Zentrale. Diese diente auch als Ort der Inhaftierung (zwischen 1945 und 1973 wurden circa 12 000 von insgesamt neun Millionen Portugiesen dort in Verwahrung behalten) und der Folter. Im Zuge der Nelkenrevolution 1974 wurde die Zentrale erstürmt und stand von da an jahrelang leer bis 1999 ein Investor einen Plan für die Errichtung von Luxus-Appartements vorlegte. Trotz der hohen Preise besteht eine solide Nachfrage. Was die Wahrnehmung dieser Transformation angeht, so wurden im Zuge des Umbaues derer nur kleinere Proteste laut: eine Organisation von Opfern der PIDE forderte den Bau eines Museums, was aber nicht realisiert wurde. Dies hängt mit der Erinnerungskultur Portugals zusammen: während die Vergangenheit der Portugiesen als Seefahrer und Entdecker gerne hervorgerufen wird, rückt die Auseinandersetzung mit dem Salazar-Regime eher in den Hintergrund.
 Erst in den letzten Jahren findet eine tiefergehende Konfrontation mit dieser Zeit statt (beispielsweise die Bürgerbewegung Não Apaguem a Memória!), wobei sich auch simultan andere Strömungen manifestieren: 2007 wurde Salazar bei einer Fernsehsendung mit 41% der Stimmen zum größten Portugiesen der Geschichte gewählt. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die politische Kultur eher unpolitisch und obrigkeitsstaatsgläubig ausgeprägt ist, woraus auch Verdrängung oder Gleichgültigkeit bezüglich der Erinnerungen an das Salazar-Regime resultieren können.
Die Ambivalenz der zeitgenössischen Strömungen spiegelt sich auch in den Betrachtungen bezüglich der Umstrukturierung des Verwendungszweckes des PIDE-Gebäudes wider: während die Opfer des Regimes und auch andere Gruppen, die nicht aktiv partizipiert haben, den Bau der Luxusappartements ablehnen, befürworten Menschen, die beispielsweise in der Umgebung der Zentrale wohnen oder arbeiten, die Errichtung der Wohnungen.
Diese markanten Meinungsunterschiede sind für ein Land wie Portugal nicht unerwartet, da dort die Meinungsfreiheit mit das Fundament der Demokratie ist, wie schon der Minister Santo Silva bemerkte: „ Because, you know, in Portugal, democracy has a clear meaning to ground floor expressions, to the lay  people. It means the end of war, it means freedom, […] freedom in all its variety5“.

Um die drei untersuchten Gebäude zusammenfassend darstellen zu können, wird nun die Frage aufgegriffen, wie trotz ähnlicher Ausgangsbedingungen derartige Unterschiede bezüglich der heutigen Ausprägung entstanden sind. Ein Erklärungsansatz hierfür ist, dass trotz der einheitlichen Nutzung durch einen Geheimdienst, sich die Gebäude in einigen Details unterscheiden. Eines davon möchte ich darstellen:
In Bukarest wurde beispielsweise der Geheimdienst – der proportional gesehen als sehr groß und repressiv galt – nicht mit einem bestimmten Ort assoziiert. In Portugal dagegen ist die Zentrale der PIDE ein Inbegriff von Gewalt, da sich dort Verhör und Folter zutrugen. Das Gebäude in Berlin ist  - wie auch das in Lissabon - mit dem Attribut einer gefürchteten und omnipräsenten geheimen Kontrollmacht ausgestattet, die sich spezifisch lokalisieren lässt. Aus diesen funktionellen Differenzen resultiert somit für Berlin und Lissabon ein größeres Potenzial bezüglich der Erinnerungsfunktion als für das Analyseobjekt in Bukarest.

Abschließende möchte ich bemerken, dass die Ausarbeitung nicht den Anspruch erheben darf, allen historischen Besonderheiten gerecht zu werden, oder die Erinnerungskultur profund erklären zu können. Dafür ist die Thematik zu komplex und bedarf genauerer Analysen als diese, die wir im Zuge unserer Möglichkeiten durchführen konnten.

 

1 Die Projektgruppe besteht aus insgesamt sechs Studenten aus Großbritannien, Russland, Niederlande und Deutschland und hat einen interdisziplinären Fokus, was die universitäre Ausrichtung der Teilnehmer betrifft: Elektrotechnik, Geschichtswissenschaft, Germanistik, Literaturwissenschaft, Politikwissenschaft und Medizin.
2 „Studienkolleg zu Berlin“: http://www.studienkolleg-zu-berlin.de
3 Interview mit  Markus Meckel, MdB, Vorsitzender der „Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“, Berlin, 2008
4 Interview mit Dan Marin, Architekt, Bukarest 2008 
5 Interview mit Augusto Santo Silva, Minister, Lissabon 2008

 


Carolin Egelseer
* 1985

Stationen
  • 2005
  • Abitur in Bayern
  • 2005-2007
  • Studium der Humanmedizin an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg
  • 2007-2008
  • Studium an der Charité in Berlin, Teilnahme am „Studienkolleg zu Berlin“
  • 2008-2009
  • Studium an der Università Cattolica del Sacro Cuore in Rom (geplant)

Projekte
  • im Rahmen des „Studienkolleg zu Berlin“: „Politik in Stein – der Umgang mit historisch geladener Architektur“ (2007/ 2008)
  • Mitarbeit an einem Integrationsprojekt für Behinderte:
  • - Bundeswettbewerb „Jugend hilft“ 2003
  • - „Miteinander mehr (er)-Leben“ (Wettbewerb der Bezirksgemeinschaft der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege 2003)

Kontakte zu folgenden Stiftungen und Einrichtungen:
  • Max Weber-Programm Bayern
  • Studienkolleg zu Berlin
  • Studienstiftung des deutschen Volkes
  • Gemeinnützige Hertie-Stiftung