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Forschungsarbeit

Moralität und Geschichte. Studie zur Philosophie von Benedetto Croce

Von Cosimo Carniani (07.11.2008)

 

                                                      «Il progresso non è altro che il ritmo dello spirito stesso, col quale
                                                      soltanto si può interpretare e intendere la storia, e verso il quale 
                                                      soltanto si può e si deve indirizzare la vita morale.»

                                                       «Il pensiero storico riconosce a tutti i fatti carattere positivo,  
                                                       perché altrimenti non li intenderebbe; 
                                                       ma non già a tutti carattere morale.»

 

In dem umfangreichen Werk von Benedetto Croce (1866-1952), zweifellos einer der bedeutendsten italienischen Denker des 20. Jahrhunderts, spielt die Auseinandersetzung mit der Geschichte eine wesentliche Rolle. Zweck meiner Dissertation ist die Erläuterung des sehr originellen Geschichtsverständnisses Croces, insbesondere aus dem Blickwinkel der Moralität. D. h., neben den erkenntnistheoretischen Problematiken werde ich speziell auf die Konstellation Geschichte-Moralität eingehen, wie etwa auf den Begriff “Fortschritt” und auf die Überwindung der Dichotomie Tatsachen/Werte als auch auf die Auseinandersetzung mit den politischen Ideologien und auf die Kritik der Geschichtsphilosophie. 
 
Croce kritisierte die klassische Geschichtsphilosophie sehr scharf. Aus einem praktischen Gesichtspunkt schien sie ihm gefährlich, weil sie eine potentielle Grundlage der Ideologien darstellt, was deren Anwendung in den totalitären Herrschaftssystemen deutlich zeigt. Der Geschichtsphilosophie wohnt nach Croce das Risiko inne, die menschlichen Begebenheiten einem sich in der Geschichte verwirklichenden Weltplan unterzuordnen, was zur Unterschätzung der Moralität, zur Apologie des Existierenden und zur Mythologie des Erfolgs führen kann. Besonders wichtig ist dabei die Kritik Croces an der hegelschen Unterordnung der Moralität, die zum Beispiel in der hierarchischen Unterscheidung Moralität/Sittlichkeit (das moralische Bewusstsein ist dem Moment der Sittlichkeit - d. h. der geschichtlichen Verwirklichungen der Moralität, wie z. B. das Rechtssystem oder der Staat - untergeordnet) oder in den Begriffen „weltgeschichtliche Individuen“ (als Helden, durch welche der Weltgeist fortschreitet, sind sie der Moralität überlegen) und  „Weltgeschichte als Weltgericht“ (die selbst das höchste Moment der Sittlichkeit, nämlich den Staat, aufhebt) zum Ausdruck kommt. Solche Kritiken fügen sich in der breiteren und komplexeren Auseinandersetzung Croces mit dem Denken Hegels ein. Dank der Entdeckung der Dialektik, der Auffassung der Realität als Synthese von Gegensätzen und Entwicklung, gilt Hegel bei Croce als Hauptfigur der “geistigen Revolution”, die zu dem “wahren Historismus” führt. Gleichzeitig klagt Croce Hegel des “Panlogismus” an und lehnt bestimmte Elemente seiner Philosophie strikt ab, wie etwa die Geschichtsphilosophie oder das Verständnis des Fortschritts als progressus ad finitum.

Werke von Benedetto Croce

Gerade den philosophischen Begriff “Fortschritt” betrachte ich als Angelpunkt der Konstellation Geschichte-Moralität bei Croce, weil dort wesentliche Sätze seines Denkens zusammentreffen. Das Gelingen dieses Treffens ist nicht selbstverständlich, und das spiegelt sich in der Zweideutigkeit des Fortschritts wider, von dem mehrere Bedeutungen zu unterscheiden sind, die jeweils einem wesentlichen Satz von Croces Denkens entsprechen.

1 Ontologische Bedeutung - sie entspricht der Gleichsetzung von Realität, Geschichte und Geist, sowie der Überwindung der Dichotomie Tatsachen/Werte und dem Satz der Irrealität des Bösen, die daraus resultieren: Geschichte ist ein schöpferischer Fortgang, in welchem die vergangenen Bestimmungen zur Materie der neuen Gestaltungen werden, und ist damit Bereicherung, Entwicklung.

2 Historiographische Bedeutung - sie folgt aus der ontologischen Bedeutung: Geschichte schreiben heißt eine Entwicklung zu erzählen. Deshalb wird sie «vom Positiven und nicht vom Negativen aus geschrieben». Das Negative kann nicht zum selbständigen Gegenstand der Geschichtsschreibung werden, sondern verdient «das Interesse des Historikers […] nur als Antrieb und Gegenstand der herzigen menschlichen Tätigkeit»; diese und ihre Schöpfungen sind «das wahre und einzige Thema der Geschichte». Fortschritt ist in diesem Sinn die Grundkategorie der Geschichtsschreibung.

3 Ethische Bedeutung - sie entspricht der Autonomie und dem Primat der Moralität: Gemäß der  Gleichsetzung von Tatsachen und Werten und dem Satz der Irrealität des Böses hat jede Realität als solche Wert. Das heißt aber nicht zugleich moralischer Wert. Dieser Hiatus eröffnet die ethische Dimension des Fortschritts. Fortschritt im Sinne einer Wertzunahme ist kein Merkmal der Geschichte, sondern moralisches Streben.

Die Konstellation Geschichte-Moralität ist ein Spannungsfeld der Philosophie Croces. Der Erfolg der Synthese ihrer Grundsätze scheint nicht leicht zu sein und wurde oft kritisiert.
In der Rezeption wird von den “zwei Seelen Croces” gesprochen: ein starkes ethisches Streben und das idealistisches Realitäts- und Geschichtsverständnis, deren Vereinbarkeit in Frage gestellt wird. Inwiefern solche Kritiken zutreffend sind, werde ich auch in meiner Arbeit untersuchen.

Benedetto Croce

Die Philosophie Croces, wie gelungen sie auch immer ist, faszinert mich, weil sie sehr ehrgeizig und umfangreich ist, was sie aber zugleich problematisch macht. Schlicht gesagt verstehe ich sie als einen Versuch, eine einheitliche und umfassende philosophische Auffassung der Realität zu gewinnen, welche auf die verschiedenen Anregungen antwortet, die aus dem wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Geschehen ihrer Zeit auftauchen. In diesem Sinn könnte ich Croces Auffassungen als “Philosophie der Krise” bezeichnen, da er eine Antwort auf die “Krise der europäischen Kultur” sucht. Ich nenne hier nur einige Beispiele, die Croce als Krisenfaktoren und Krisenerscheinungen versteht.
   
- Die Durchsetzung von faschistischen Ideologien und Herrschaftsystemen
- die marxistische Auffassung des Staats, des Rechtssystems und der Kultur insgesamt als Ideologie, bzw. als bloßen Ausdruck der ökonomischen Verhältnisse, sowie der Geschichte selbst als ökonomisches Geschehen
- die Kritik Nietzsches an der Moralität und an dem Begriff “Wahrheit”
- die von den Entwicklungen der Physik und Geometrie verursachte Krise des traditionellen Verständnisses der Wissenschaft
- die Krise des Begriffs “Subjekt”, die sich aus der freudschen Entdeckung des Unbewussten ergibt
- der Irrationalismus, in seinen verschiedenen philosophischen Strömungen, wie Ästhetizismus, Decadentismus, Aktivismus und Vitalismus.

 Die Kritik Croces am Irrationalismus scheint mir besonders wichtig, weil sie neben der theoretischen Begründung auch eine praktische Dimension besitzt. Der Irrationalismus schafft nämlich nach Croce einen fruchtbaren Boden für die Durchsetzung der faschistischen Ideologien. Typische Elemente dieser wie die Verherrlichung der Kraft und des Rechts des Stärkeren, der Verweis des Rassismus auf die biologische Dimension des Seins und der Geschichte, die Preisung der Handlung als Handlung, das ästhetizistische Primat der ästhetischen Dimension des Lebens, die alle die Abwertung der Moralität fördern, lassen sich als Herleitungen des Irrationalismus verstehen. Denn alle lassen sich darauf zurückführen: die Ablehnung bzw. die Abwertung der Rationalität (und damit indirekt von Ideen wie Menschheit, Gerechtigkeit usw.) zugunsten der irrationalen Komponente des Menschen, wie etwa des Instinkts, des vitalen Triebs, der Mächte des Unbewusstes, des ästhetischen Erlebnisses usw.
 
  Es handelt sich laut Croce um eine allgemeine und einheitliche Krise, die eine einheitliche Antwort erfordert. Deswegen arbeitet Croce an einer philosophischen Synthese, die den Wert von Wahrheit, Rationalität und Moralität wieder durchsetzen soll, deren Erfolg aber die Aneignung der positiven Elemente des Irrationalismus erfordert. Denn viele Sätze des Irrationalismus weiß Croce sehr zu schätzen, wie die Überwindung der stumpfsinnig materialistischen und szientistischen Philosophie des Positivismus in eine spiritualistische Weltanschauung, die Ablehnung des Primats von Wissenschaft, Technik und abstrakten Rationalität und die Verfechtung des „Rechts“ und des Werts anderer Bestandteile der Existenz, wie z. B. des ästhetischen Erlebnisses, der bloßen und wilden vitalen Energie, der Gefühlssphäre und der dunkelsten Mächte der menschlichen Psyche. Nach Croce ist die Behauptung solcher Sätze notwendig, jedoch darf sie nicht einseitig sein, und soll mit der Verfechtung der Rationalität und Moralität in einer einheitlichen philosophischen Auffassung der Realität vereinbart werden. Ein ehrgeiziges Unternehmen...


Stationen
  • Okt. 1998 - Feb.2005
  • Studium der Philosophie an der Universität Florenz
  • Okt. 2003-Jun.2004
  • Studienaufenthalt in München als Erasmus-Student zur Erstellung der Magisterarbeit (Die Gewalt im politischen Denken Hannah Arendts)
  • Feb. 2005
  • Abschluss der Magisterarbeit mit der bestmöglichen Note (110 e lode/110)
  • Jun. 2005 - Jul. 2006
  • Vorbereitende Forschungsarbeit für die Promotion in Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München
  • Seit Okt. 2006
  • Doktorand in Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München am Lehrstuhl von Prof. Dr. Wilhelm Vossenkuhl
  • Seit Apr. 2008
  • Forschungsstipendiat im Elitenetzwerk Bayern