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Forschungsarbeit

Raum, Identität und Globalisierung in der irischen Kultur der Gegenwart

von Natalie Boonyaprasop

Spätestens seitdem die Iren im Juni 2008 per Referendum den EU Reformvertrag von Lissabon abgelehnt haben, ist Irland wieder stärker in die Aufmerksamkeit der Kontinentaleuropäer gerückt. Das kleine Land an der westlichen Peripherie Europas, das bisher eigentlich stets als Erfolgsmodell des europäischen Integrationsgedankens gegolten hatte, entfachte durch sein störrisches Votum eine politische Diskussion, die das gesamteuropäische Projekt wieder einmal in Frage stellte. Die irische Volksabstimmung führte den europäischen Befürwortern in Brüssel schmerzlich vor Augen, dass trotz allerorts verkündeter Globalisierung und transnationaler Netzwerke dennoch nationale Interessen und nationale Identifikation noch längst nicht vom Tisch sind.

Denn globale Vernetzungsprozesse und gleichzeitig erstarkte lokale Identitäten sind bei weitem keine sich gegenseitig ausschließenden Widersprüche, sondern vielmehr gehören beide zur paradoxen Wirkungslogik von Globalisierung:

"A bizarre adventure happened to space on the road to globalisation: it lost its importance while gaining in significance." (Bauman 2000: 110).

Die Vernetzung der Welt mittels beschleunigter Transport- und Kommunikationstechnologien ermöglicht einerseits die schnellere Überwindung räumlicher Distanzen und gesetzter Grenzen und trägt andererseits aber auch zur Betonung regionaler und lokaler Einheiten bei. Je identischer die Welt wird, desto stärker wird auch das Bedürfnis, sich von dieser globalen Identität abzuheben und nach Differenz zu streben.

Das Globalisierungs-Paradox: Die Überwindung und gleichzeitige Verstärkung des Räumlichen.[Bildunterschrift / Subline]: Abb.1: Das Globalisierungs-Paradox: Die Überwindung und gleichzeitige Verstärkung des Räumlichen.

In einem derart globalisierten Zeitalter muss sich die Frage nach kollektiven wie auch individuellen Identifikationsprozessen folglich in diesem Spannungsfeld bewegen. Poststrukturalistische Auffassungen erklären den postmodernen, globalisierten Menschen als ein fragmentiertes Subjekt, dessen Selbstverständnis in multiple kulturelle Identitäten zersplittert ist und der wechselnde und gleichzeitig widersprüchliche Zugehörigkeiten für sich beanspruchen kann. Identität wird somit als relationales Konzept aufgefasst, das sich aufgrund seines diskursiven Konstruktcharakters stets dynamisch verhält und sich kontinuierlich im Wandel befindet. Dagegen vertreten essentialistische Auffassungen die These eines widerspruchsfrei verortbaren Subjekts, dem aufgrund seiner räumlichen und biologischen Herkunft eine feste und unveränderliche Position zugewiesen ist.

Auch wenn letztere Auffassung aufgrund ihrer primordialistischen Argumentationslinie als unhaltbar diskreditiert worden ist, so spielt sie dennoch im populären Alltagsverständnis vieler Menschen sowie für ideologisch motivierten Fundamentalismus eine weiterhin große Rolle. Die Welt wird gemäß des Huntington’schen Schemas in Kulturräume eingeteilt, deren Identität mit sich selbst und deren Differenz zueinander als naturgegebene Fakten ideologisiert werden. Identität, und vor allem nationale Identität, wird in diesem Sinne an ein konkretes Territorium geknüpft, welches dann als Heimat bzw. Heimatland idealisiert und instrumentalisiert wird. Und auch hier wirkt sich das Paradox der Globalisierung aus: Denn je höher der Grad der Globalisierung und je stärker das Gefühl der Heimatlosigkeit und raum-zeitlicher Entankerung, desto stärker auch die Sehnsucht nach Stabilität und raum-zeitlicher Verankerung an einen konkreten (Ursprungs-)Punkt, der zur Heimat stilisiert wird. Auch wenn Kosmopolitismus, Hybridität und Grenzgängertum gerne als potenziell befreiende Strategien eines so genannten dritten Raumes, der die konventionellen Binarismen aufzubrechen vermag, gefeiert werden, so führt die postmoderne Kondition von Migration und Heimatlosigkeit in vielen Fällen gleichermaßen auch zu schmerzvollen Erfahrungen und Traumata.

Landschaft im Westen Irlands[Bildunterschrift / Subline]: Abb.2: Der Westen Irlands: peripherer Rückzugsort, materialisierte Essenz der kollektiven irischen Identität und wichtigster Werbeträger der kommerziellen Tourismusbranche.

Gerade in Irland ist die Frage der Identität stets in unmittelbarer Nähe zur Frage nach dem Raum gestellt worden. Denn die irische Insel ist im Verlauf der jahrhundertelangen kolonialen Unterdrückung durch die Briten zum Schauplatz erbitterter Territorialkämpfe geworden. Die Aneignung von Raum wurde einerseits durch militärisch-gewaltsame Okkupation seitens der Kolonialmacht durchgeführt, während die indigene Bevölkerung die symbolische Besetzung des Raumes als anti-koloniale Strategie einsetzte, welche den rechtmäßigen Besitzanspruch an die Heimat legitimieren konnte. Auf diese Weise werden Machtkämpfe und Machtstrukturen in den Raum eingeschrieben, der, sobald er mit Bedeutung versehen wird, als ein symbolischer Ort bzw. eine symbolische Landschaft und als Ausdruck einer dominanten Ideologie wahrgenommen wird. Aufgrund seines Symbolcharakters und seiner Zeichenhaftigkeit kann ein solcher Ort bzw. eine solche Landschaft wie ein Text gelesen werden. Der Westen Irlands mit seinen schroffen Atlantikküsten und einsamen Moorlandschaften ist samt seiner ländlichen Bevölkerung als Motiv in zahllosen literarischen Werken (von O’Flaherty, Synge, Lady Gregory, um nur einige zu nennen) verarbeitet, stilisiert und verklärt worden. Für die britischen Kolonialherren waren diese westlichen Regionen der irischen Insel wegen ihrer kargen Böden und des unwegsamen Reliefs jedoch schlicht uninteressant, sahen sie doch die irische Kolonie vor allem als Getreidelieferant für das britische Empire. So kann Irlands Westen einerseits als peripherer Rückzugsort der vertriebenen indigenen Bevölkerung aufgefasst werden („To Connaught or hell!“), andererseits kann diese so negativ konnotierte Landschaft ins Positive umgewertet werden und – wie im kulturellen Nationalismus des Celtic Revival geschehen – als Verkörperung bzw. materialisierte Essenz der kollektiven irischen Identität narrativ konstruiert und kulturell repräsentiert werden. Der kontingente Charakter dieser symbolisch aufgeladenen Landschaft wird dabei jedoch verschwiegen. Und schließlich ist der irische Westen in der heutigen Konsumkultur zum wichtigsten Werbeträger der Tourismusbranche kommerzialisiert worden, der weltweit zum Verkauf angeboten wird. 

Wie dieses Beispiel zeigt, kann Raum per se nicht die Stabilität und Kontinuität gewährleisten, die der Begriff der Heimat verspricht. Seine Bedeutung wird symbolisch in den Raum eingeschrieben und je nach politischem, ökonomischem oder anders ausgerichtetem Interesse umgedeutet. Das intertextuelle Netz von Narrativen bestimmt, wie Räume wahrgenommen werden. Das Narrativ der Globalisierung verweist auf die wechselseitige Verzahnung von lokalen und globalen Prozessen in einem Welt-Raum, der universalistisch und partikularistisch zugleich ist, und der wie ein Palimpsest mit unterschiedlichen Geschichten und diskursiven Praxen beschrieben wird. Die unterschiedlichen Lesarten treten vor allem dann ans Licht, wenn sie im Wettstreit zueinander stehen, so etwa bei Landnutzungskonflikten, die durch konkurrierende Interessenslagen (z.B. Ökologie vs. Ökonomie, global vs. lokal) entstehen.

Strasse in Dublin[Bildunterschrift / Subline]: Abb.3: Ist das auch Irland? Die globalisierte Parnell Street in Dublin zwischen Euro Spar und chinesischer Gastronomie.

Vor diesem so problematisierten Hintergrund versucht das vorliegende Dissertationsprojekt mithilfe einer interdisziplinären Arbeitsweise, die kulturwissenschaftliche und (kultur-) geographische Fragestellungen und Methoden miteinander verknüpft, einen Weg zu finden, um das Verhältnis von Kultur, Identität und Raum in Irland im Zeitalter der Globalisierung zu bestimmen. Aufgrund der beschleunigten Globalisierungsdynamik, die Irland im Zuge des Celtic Tiger Booms von einer agrarisch und traditionell geprägten Gesellschaft in eine moderne und wohlhabende Dienstleistungsgesellschaft verwandelte, eignet sich die irische Kultur besonders gut für die Untersuchung dieses Zusammenhangs, da hier Elemente verschiedener, zumeist oppositionär konstruierter, kollektiver Repräsentationen in besonders starkem Maße kollidieren. Als zentraler Leitfaden fungiert neben der Untersuchung der symbolischen Besetzung von Orten und Landschaften und ihrer (inter-)medialen Repräsentation auch die Frage, ob und wenn ja, wie Identität räumlich gedacht werden kann ohne sich dabei in die essentialistischen Fallstricke einer schlichten Verräumlichung von Kultur zu verheddern.

Ausgewählte Literaturhinweise:

- Bauman, Zygmut. Community: Seeking Safety in an Insecure World. Cambridge: Polity Press, 2000.
- Graham, Brian (ed.). In Search of Ireland. A Cultural Geography. London/New York: Routledge, 1997.
- Hall, Stuart. “The Question of Cultural Identity”. Modernity and Its Futures. Eds. Stuart Hall, David Held and Tony McGrew. Cambridge: Polity Press, 1992. 273-325.
- Inglis, Tom. Global Ireland: Same Difference. New York/London: Routledge, 2008. 
- Morley, David and Kevin Robins. ”No Place Like Heimat: Images of Home(land) in European Culture”. Space and Place. Theories of Identity and Location. Eds. Erica Carter, James Donald and Judith Squires. London: Lawrence & Wishart, 1993. 3-31.
- Sheeran, Patrick. “The Narrative Creation of Place: Yeats and West-of-Ireland Landscapes”. Nature and Identity in Cross-Cultural Perspective. Eds. Anne Buttimer and Luke Wallins. Dordrecht et al.: Kluwer Academic Publishers, 1999. 287-299.


Stationen
  • 2001-2007
  • Studium der Anglistik, Geographie und Theater-/Medienwissenschaft an der FAU Erlangen-Nürnberg
  • 2004 -2005
  • Auslandsstudium am Trinity College, Dublin, gefördert durch das „Europäische Exzellenzprogramm für Anglisten“ (DAAD) und „Government of Ireland Exchange Scholarship 2004/05“
  • seit 2007
  • Promotion in Anglistik (Kulturwissenschaft) an der FAU Erlangen-Nürnberg, Betreuerin: Prof. Dr. Doris Feldmann
  • seit 2008
  • Forschungsstipendiatin im Elitenetzwerk Bayern und Kollegiatin im interdisziplinären Graduiertenkolleg „Kulturhermeneutik im Zeichen von Differenz und Transdifferenz“, FAU Erlangen-Nürnberg
  • WS 2008/09
  • Lehrauftrag am Institut für Anglistik (Literatur- und Kulturwissenschaften), FAU Erlangen-Nürnberg