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Forschungsarbeit

Kleine Stadt – große Wirkung? Klein- und Mittelstädte als Schnittstelle für Interaktion, Austausch und Wandel

von Hannah M. von Bloh (31.07.09)

Das Jahr 2007 gilt als ein historischer Wendepunkt der menschlichen Siedlungsgeschichte: Erstmals lebten weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Weniger bekannt ist, dass rund 52% der urbanen Weltbevölkerung derzeit in Städten mit weniger als 50.000 Einwohnern leben, gemäß der Definition der Vereinten Nationen Klein- und Mittelstädte (UNFPA 2007: 9). Kleinstädte des Südens werden zwischen 2000 und 2015 über 40% des Wachstums der urbanen Weltbevölkerung tragen (Tacoli 2004: 3). Insbesondere in Regionen, die einem raschen Wandel unterliegen, etwa in Entwicklungländern mit hohen Wachstumsraten, spielen Klein- und Mittelstädte (KMS) damit eine wichtige, oft unterschätzte Rolle.

Werbekampagne eines japanischen Lebensmittelkonzerns in einer vietnamesischen Provinzstadt.[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 1: Klein- und Mittelstädte rücken angesichts der gesättigten und kostenintensiven Absatzmärkte der Großstädte in den Fokus der Investoren. Im Bild die Werbekampagne eines japanischen Lebensmittelkonzerns in einer vietnamesischen Provinzstadt.

Die erforderlichen Ressourcen vorausgesetzt, können diese Zentren flexibler und effizienter mit den Herausforderungen urbaner Entwicklung umgehen als Großstädte. KMS haben als regionale Knotenpunkte, Produktions- und Dienstleistungsstandorte eine unmittelbare Auswirkung auf das ländliche Umland. Ihre Entwicklung trägt zur Vernetzung und Versorgung des umliegenden Raums mit administrativen, ökonomischen und sozialen Dienstleistungen und Gütern bei. Als niedrigste Verwaltungsebene spielen KMS bei der Implementierung nationaler Politik sowie der Artikulierung lokaler Bedürfnisse eine Schlüsselrolle. Auch Großstädte können von der Entwicklung der KMS profitieren, da die Förderung alternativer regionaler Zentren den Migrationsdruck auf Großstädte reduzieren hilft. Als Bindeglied zwischen dem urbanen und ländlichen Raum und Wohnsitz von über einem Viertel der Weltbevölkerung sind KMS ein entscheidender Bestandteil des  regionalen und globalen Austauschs von Menschen, Gütern, Finanzen und Informationen. Als solcher tragen sie zur Integration des ländliche Raums und der Schaffung neuer Einkommens- und Partizipationsmöglichkeiten bei. KMS leisten folglich einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung und effektiver Armutsbekämpfung. Die Entwicklungspolitik entdeckt KMS entsprechend (wieder) als relevantes Thema (Vgl. UNPD (2000), UNFPA (2007), Pedersen (2003) für die Weltbank, Tacoli (2004) für die OECD).
Dennoch ist wissenschaftliche Literatur zu KMS rar. Ein Grund hierfür ist, dass sich KMS schwer als Einheit fassen und kategorisieren lassen. Insbesondere die Kleinstadt lässt sich weder dem urbanen noch dem ländlichen Raum problemlos zuordnen und wird daher häufig aus der Betrachtung ausgeklammert. Die Vielfalt der in der Literatur verwendeten Begriffe (vgl. "small and intermediate urban centres" (Satterthwhaite et. al. 1986), "rural growth centres" (Lubell 1984), "market and district towns" (Rondinelli et. al. 1978: 71) oder "rural service centres" (UN-Habitat 1993)) weist bereits daraufhin, dass sowohl die Bedeutung als auch Eigenschaften von KMS umstritten sind. Klassische Definitionen des "Urbanen" betonen dessen quantitative Dimensionen, wie räumliche Ausdehnung, Bevölkerungsgröße und Vielfalt der Lebensstile. Dies ist problematisch, da diese Größen in Abhängigkeit vom jeweiligen lokalen Kontext, politischen und verwaltungstechnischen Entscheidungen variieren. Die Abgrenzung zum ländlichen Raum bleibt zwangsläufig unscharf. Vor diesem Hintergrund verspricht die Untersuchung der "Grauzone" klein- und mittelstädtischer Siedlungen neue Erkenntnisse über das Wesen des Urbanen.

Staatliche Propaganda an der Zufahrt zum Stadtzentrum: „Eine florierende, grüne, saubere, schöne und zivilisierte Provinzstadt Cao Bang aufbauen.“ Darunter wirbt ein Telekommunikationsunternehmen für günstige Telefon- und Internetanschlüsse.[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 2: Staatliche Propaganda an der Zufahrt zum Stadtzentrum: "Eine florierende, grüne, saubere, schöne und zivilisierte Provinzstadt Cao Bang aufbauen." Darunter wirbt ein Telekommunikationsunternehmen für günstige Telefon- und Internetanschlüsse.

Ziel des vorliegenden Dissertationsprojekts ist es, für KMS charakteristische Strukturen, Organisations- und Interaktionsmuster herauszuarbeiten und anhand dessen aufzuzeigen, worin die spezifische Bedeutung dieser Siedlungsform besteht. Im Gegensatz zu bisherigen sozialwissenschaftlichen Studien soll diese Untersuchung dabei auch die Einbindung externer Akteure und Ressourcen berücksichtigen, um so ein holistischers Bild der komplexen Abläufe in und um KMS zu erhalten. Die Arbeit legt in diesem Zusammenhang besonderen Wert auf die Betrachtung des gewählten Aktionsraums als soziale Schnittstelle, an der sich Akteure verschiedener Lebenswelten mit unterschiedlichen Interessen, Wertvorstellungen sowie Ressourcen begegnen und spezifische Machtdifferentiale zum Ausdruck kommen.
Im Fokus der Untersuchung ist der Kleingewerbesektor ausgewählter KMS in Vietnam. Der Kleingewerbesektor ist für KMS von besonderer Bedeutung, da er maßgeblich zu deren Rolle als Zentrum des wirtschaftlichen Wachstums, der Produktion und Distribution von Gütern und Ressourcen beiträgt. Der Kleingewerbesektor ist ein wichtiger Begegnungsraum und eine Schnittstelle zwischen wirtschaftlichem und politischem Raum, ökonomischen Interessen und gesellschaftlichen Ansprüchen, lokaler und nationaler Ebene. Es liegt nahe, dass das Partizipieren im Kleingewerbe, insbesondere in Entwicklungsländern, den Zugang zu Schlüsselressourcen voraussetzt und andererseits den Zugang zu wichtige Ressourcen ermöglicht. Folglich kann eine Analyse des Kleingewebesektors wichtige Hinweise auf Machtstrukturen, Ressourcenverteilung und soziale Strukturen in KMS geben.
Vietnam hat in den vergangenen zwei Dekanden eine rasante Transformation erlebt. Laut Prognose wird sich dieser Wandel in den kommenden Jahren mit einer Urbanisierungsrate von jährlich 3% für 2005 bis 2010 fortsetzen (UNFPA 2007). Die Herausforderungen, die sich aus dieser Situation ergeben und die, wie oben erläutert, die Frage nach der Rolle von KMS besonders relevant werden lassen, lassen sich hier gut beobachten. Die vietnamesische Regierung hat die Bedeutung dieses Themas erkannt und sich bereits 1998 mit dem "Orientation Master Plan for Urban Development to 2020" die Förderung von KMS zur Entwicklung des ländlichen Raums zum Ziel gesetzt. Damit diese Maßnahmen jedoch erfolgreich greifen, ist es notwendig, mehr über die KMS, ihre Potentiale und lokale Dynamiken zu erfahren.
Im Rahmen der 2009/10 laufenden Feldfoschung werden zwei nordvietnamesische Städte mittlerer Größe untersucht. Methodisch verfolgt das Vorhaben einen mehrfachen Ansatz. Die Aufarbeitung von lokal verfügbarer Quellen stellt den Einstieg in die Feldforschung dar und wird durch Interviews mit lokalen Regierungsvertretern ergänzt. Die über mehrere Monate laufende teilnehmende Beobachtung bildet die Basis der Analyse. Sie dient dazu, das Alltagsleben und Miteinander vor Ort zu studieren, um Konfliktpotentiale, Handlungsmuster und zentrale lokale Themen zu identifizieren. Ergänzend werden Informationen von lokalen key informants eingeholt. Semistrukturierte Interviews mit Kleinunternehmern im informellen und formellen Sektor liefern weitere sowohl quantitative als auch qualitative Daten. Einen zentralen Aspekt der Untersuchung stellt die Netzwerkanalyse dar. Basierend auf Tiefeninterviews an den jeweiligen Standorten liefert sie Informationen über die spezifischen Beziehungen zwischen Akteuren, Schnittstellen zwischen Institutionen und Arenen, sowie individuelle und kollektive Ressourcen, die eine zentrale Rolle bei den Organisationsprozessen spielen. Ergänzend werden Informanten gebeten, eine sog. mental map der Stadt als sozialem Raum anzufertigen. Eine Synthese der erstellten Karten bietet Rückschlüsse darüber, wie sich die Strukturierung der KMS als sozialem Raum für unterschiedliche Akteursgruppen darstellt, und wie die Beziehungen zwischen diesen Gruppen räumlich verortet sind.

Klein- und Mittelstädte schaffen Einkommensmöglichkeiten für das ländliche Umland.[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 3: Klein- und Mittelstädte schaffen Einkommensmöglichkeiten für das ländliche Umland.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt Mitte 2009 ist die Untersuchung des ersten Standortes zur Hälfte abgeschlossen. Es lassen sich erste tentative Erkenntnisse formulieren. (1) KMS erleben einen kontinuierlichen Austausch von Menschen; besser ausgebildete Einheimische gehen, Arbeitsmigranten und Investoren kommen. KMS sind damit ein "Umschlagplatz" für Arbeitskräfte, für den Orts- als auch fachspezifisches Wissen eine Schlüsselressource darstellt. Migranten und Einheimische verfügen diesbezüglich jeweils über spezifische Ressourcen, was vor Ort zu einer "Arbeitsteilung" führt, die für beide Seiten von Vorteil sein kann. (2) KMS können attraktive Alternativen für Migranten sein. Gerade der uneindeutige Charakter von KMS - weder Metropole noch Dorf - kann Immigranten die Integration erleichtern, da die Unterschiede zum Herkunftsort weniger groß sind. Wettbewerb und Kundenansprüche sind weniger fordernd als in Großstädten, was gering Ausgebildeten eine Chance eröffnet. Der Markt in KMS ist ausreichend entwickelt, um die Nachfrage zu sichern; das noch geringe Angebot an Gütern und Dienstleistungen bietet gleichzeitig ausreichend Nischen für neue Unternehmer. Zudem gibt es, anteilig an der Bevölkerung, vergleichsweise viele Regierungsposten, die ein stabiles Einkommen versprechen. Und schließlich sind die Lebenshaltungskosten in KMS bei einem akzeptablen Lebensstandard vergleichsweise gering. (3) Die Bevölkerung in KMS weißt ein besonderes Maß an Mobilität und Flexibilität auf. Die meisten verfügen über Kontakte außerhalb ihrer Region, z.T. durch Migrationsnetzwerke aber auch aus Notwendigkeit da in vielen Fällen die ortsgebundenen Netzwerke nicht ausreichen, um den Zugang zu bestimmten Gütern und Dienstleistungen (z.B. Aus- und Weiterbildung) zu sichern. Viele Bewohner begreifen sich weder als "Städter" noch als "Dörfler" und pendeln sowohl in die Großstadt als auch ins ländliche Umland. Auch das niedrige Startkapital, das eine Niederlassung in KMS erfordert, schwächt die Bindung an den Standort. Viele Ortsansässige betrachten ihren Aufenthalt in KMS als Teil einer flexiblen Strategie und sehen ihre Standortwahl vor allem pragmatisch. Diese Haltung kann einen spezifischen Vorteil bei der Existenzsicherung darstellen.
Von den Vorteilen der KMS durfte ich mich während meiner Forschung selbst überzeugen. Wie es auch andere Migranten berichteten, konnte ich in kurzer Zeit ein lokales Netzwerk von Informanten und Kontakten aufbauen. Wenn auch pragmatisch bei ihrer Standortwahl, waren die Einheimischen doch voller Stolz (wenn auch etwas Unverständnis), dass ihre Stadt als Forschungsgegenstand ausgewählt worden war und geradezu enthusiastisch, ihre Ortskenntnisse mit dem Neuzugang zu teilen.

Ausgewählte Literaturhinweise

LUBELL, H. 1984. Third World urbanization and international assistance. In: Urban Studies 21. S. 1-13

PEDERSEN, P. O. 2003. The implication of national-level policies on the development of SIUC. Prepared for the Workshop "Integrating rural development and small urban centres: An evolving framework for the effective regional and local economic development. March 18-19 2003." Washington: Weltbank.

RONDINELLI, D. A. und RUDDLE, K. 1978. Urbanization and rural development. A spatial policy for equitable growth. New York: Praeger Publishers.

SATTERTHWAITE, D. UND HARDOY, J.  (Hrsg.) 1986. Small and intermediate urban centres. Their role in national and regional development in the 3rd world. Boulder, Col.: Westview Press

TACOLI, C. 2004. The role of small and intermediate cities and market towns and the value of regional approaches to the rural poverty reduction policy. Prepared for the OECD DAC POVNET Agriculture and Pro-poor Growth Task Team. Helsinki Workshop 17-18 June 2004. Washington: IIED

UNFPA. 2007. State of world population. Unleashing the potential of urban growth. New York: UNFPA.

UNDP. 2000. Rural-urban linkages: An emerging policy priority. New York: UNDP.

UN-HABITAT. 1993. Improving rural regional settlement systems in Africa with special reference to rural service centres. Nairobi: Habitat


Hannah M. von Bloh
* 1982

Stationen
  • 2002-2007
  • Diplomstudiengang Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien an der Universität Passau mit dem Schwerpunkt Südostasien. Abschluss als Dipl. Kulturwirtin
  • Studienaufenthalte an der Chiang Mai University (Thailand) sowie der National University of Laos
  • 2006-2007
  • Forschungsaufenthalt in Nordvietnam im Rahmen der Diplomarbeit in Kooperation mit dem Uplands Programme (SFB) der Universität Hohenheim. Thema der Diplomarbeit: Zugang zu Mikrokrediten im ländlichen Raum Vietnams
  • seit 2007
  • Promotion am Lehrstuhl für Südostasienkunde II der Universität Passau
  • 2007-2009
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Südostasienkunde II der Universität Passau
  • seit 2009
  • Forschungsstipendiatin im Elitenetzwerk Bayern
  • Derzeit einjähriger Forschungsaufenthalt in Nordvientnam in Kooperation mit dem Insitute for Vietnamese Studies and Development Sciences (IVIDES) der National Unviersity Hanoi

Veröffentlichungen
  • von Bloh, H. 2008. Access to and impact of Microcredit in rural Northern Vietnam. Saarbrücken: Vdm Dr. Müller Verlag
  • Korff, R. und H. von Bloh. 2008. Zwerge mit großer Bedeutung. In: E+Z, 2008/11, Tribüne, Seite 425-426. Frankfurt a. Main: InWEnt
  • von Bloh, Hannah. 2008. Small Towns as Interfaces for Interaction, Exchange and Transition in Vietnam. In: Austrian Journal of Southeast Asian Studies [ASEAS]. 1(2), 2008. Seite 7-18. Wien: Gesellschaft für Südostasienwissenschaften