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Forschungsarbeit


Ontogenese moralischer Autonomie

von Julia Petra Friedrich

Als moralische Autonomie wird die kompetente menschliche Entscheidungsfindung verstanden, welche auf der Fähigkeit zu schlussfolgerndem Denken sowie der Freiheit des Geistes basiert (Sellars, 1997). Autonomie versetzt ein Individuum in die Lage, im Ermessen seiner eigenen Überzeugungen zu denken und handeln (Helwig, 2006) während Moralität ein System kategorisch bindender Normen des menschlichen Sein beschreibt (Forst, 2004).

Die daraus resultierende Forschungsfrage behandelt die Bedeutung der normativen Kraft moralischer Autonomie sowie deren Ontogenese in Vorschulalter. Empfinden junge Kinder die moralische Norm einer Gruppe als bindend? Und können unter Einbezug von Kants kategorischem Imperativ nicht-moralische Gruppennormen autonome Etablierung finden?

Menschliches Zusammenleben in Gruppen erfordert Kooperationsfähigkeit. Dies impliziert die Bereitschaft, Ressourcen zu teilen und Interesse am Wohlergehen seiner Mitmenschen zu haben. Befasst man sich nun mit der Entwicklung moralischen Handelns und Kooperationsfähigkeit im Kindesalter, so stößt man auf ein interessantes Paradox: einerseits sind bereits sehr junge Kinder zu prosozialem Verhalten fähig und dazu bereit, anderen aus eigenem Antrieb heraus zu helfen (Eisenberg & Miller, 1987; Warneken & Tomasello, 2006). Andererseits zeigen sie sich jedoch egoistisch, wenn es um die Verteilung von Ressourcen geht (Fehr & Fischbacher, 2004; Gummerum, Hanoch, Keller, Parsons, & Hummel, 2010; Malti et al., 2016; Smith, Blake, & Harris, 2013)

Um eine Situation zu erschaffen, in der die Bereitschaft zum Teilen von Ressourcen innerhalb einer Gruppe adäquat abgebildet werden kann, verwenden wir in dieser Studie eine spieltheoretische Methode, die eine Variation des Gruppen-Diktatorspiels darstellt.

Durch den Einsatz von Handpuppen erschaffen wir eine Gruppensituation; die besagten
Handpuppen werden von zwei qualifizierten Testleitern gespielt. Bei unseren Probanden handelt
es sich um Kinder im Alter von 3 und 5 Jahren. Innerhalb der Gruppe werden Spielsituationen
erschaffen, in denen mehr oder weniger moralische Entscheidungen bezüglich der Verteilung von
Ressourcen getroffen werden. Das behaviorale Maß unserer Erhebung ist das sogenannte
Protestverhalten, welches die Reaktion von Kindern auf Verstöße gegen moralische Normen misst.
Zudem messen wir die kindliche Präferenz gegenüber fair versus unfair handelnden Akteuren.

Durch die Erhebung zweier Altersgruppen möchten wir die Entwicklungsphasen moralischer
Autonomie abbilden. Wir erwarten bei 5-jährigen Kindern eine höhere Ausprägung des Protests
bei egoistischer Verletzung der Gruppennorm, als bei 3-jährigen. Zudem prognostizieren wir
einen ähnlichen Alterseffekt hinsichtlich der Sensibilität gegenüber Moralität und Fairness.

Literatur
W. Sellars (1997). Empiricism and the Philosophy of Mind. Cambridge/Mass.
Eisenberg, N., & Miller, P. A. (1987). The relationship of empathy and prosocial and related
behaviors. Psychological Bulletin, 101(1), 91–119.
Fehr, E., & Fischbacher, U. (2004a). Social norms and human cooperation. Trends in Cognitive
Sciences
, 8(4), 185–190.
Forst, V. R. (2004). Moralische Autonomie und Autonomie der Moral. Deutsche Zeitschrift für
Philosophie
, 52, 179–197.
Gummerum, M., Hanoch, Y., Keller, M., Parsons, K., & Hummel, A. (2010). Preschoolers’
allocations in the dictator game: The role of moral emotions. Journal of Economic
Psychology
, 31(1), 25–34.
Helwig, C. C. (2006). The development of personal autonomy throughout cultures. Cognitive Development, 21(4), 458–473.
Malti, T., Gummerum, M., Ongley, S., Chaparro, M., Nola, M., & Bae, N. Y. (2016). “Who is worthy of my generosity?” Recipient characteristics and the development of childrens sharing. International Journal of Behavioral Development, 40(1), 31–40.
Smith, C. E., Blake, P. R., & Harris, P. L. (2013). I should but I won’t: Why young children endorse norms of fair sharing but do not follow them. PLoS ONE, 8(3), e59510.
Warneken, F., & Tomasello, M. (2006). Altruistic helping in human infants and young chimpanzees. Science, 311(5765), 1301–1303.

Zur Person

Julia Petra Friedrich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Nachwuchsforschergruppe International Developmental Origins of Human Normativity des Elitenetzwerks Bayern an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Absolventin des Diplomstudiengangs Psychologie mit Schwerpunkt klinische und Entwicklungspsychologie an der Universität Wien legte ihren Diplomabschluss mit Auszeichnung ab. (25.10.2016)

 

Abbildung 1: Empirische Umsetzung dieser Fragestellung

veröffentlicht am