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Forschungsarbeit


Mystik und Diakonie. Eine Spurensuche durch Theologie und Kirchengeschichte - Auswirkungen und aktuelle Impulse

von Jochen Mündlein

Max Weber-Stipendiat Jochen Mündlein beschäftigte sich in seiner Bachelorarbeit mit der Forschungsfrage einer Korrelation zwischen christlicher Mystik und Diakonie. Dabei untersuchte er deren Semantik und geschichtliches Auftreten in den biblischen Texten, der Reformationsgeschichte und der Systematischen Theologie Paul Tillichs.

Wenn von Diakonie im 21. Jahrhundert gesprochen wird, findet sich für sie bestenfalls eine institutionell-allegorische Standortbestimmung neben Caritas und den anderen freien Wohlfahrtverbänden. Auch wenn es im innerkirchlichen Diskurs immer wieder Versuche einer ekklesiologischen Neuverortung gibt, liegt doch der Fokus nach wie vor auf dem expressiven Charakter der Diakonia. Ein politischer und gesellschaftlicher Diskurs verbleibt häufig in einem reduktionistisch-sozialpolitischen und  caritativen Postulat.  Diakonie wird zu einem Sozialträger degradiert und verliert in der gesellschaftlichen Peripherie ihre theologische und kirchengeschichtliche Konnotation, bestenfalls mit einer utilitaristischen Perspektive.

Daneben wird der Begriff der Mystik in einer universalen und inflationären Breite verwendet, angefangen von fernöstlichen Traditionen und Meditationspraktiken bis hin zu Erweckungsbewegungen religiöser Gruppierungen. Im Kontext protestantischer Theologie und Kirchenlehre ist sie seit dem frühen 20. Jahrhundert als falsche Lehre tituliert und auf eine Stufe mit anthroposophischen Konzepten verwiesen worden. Nichts desto trotz ist die breite gesellschaftliche Frage nach einem erfahrungsbezogenen Ansatz deutlich erkennbar.

Meine Arbeit beschäftigt sich deshalb mit der Frage eines korrelativen Verhältnisses von Diakonie und Mystik in der Religionsgeschichte und Theologie und welche nutzbaren Konsequenzen sich für Gesellschaft, Diakonie und exemplarisch- partikulare Gruppierungen ergeben. Aus der korrelativen Wechselbeziehung wird eine systematische Standortbestimmung ermöglicht, die sekundär die Alterität gegenüber anderen gesellschaftlichen Wohlfahrtsverbänden und eine Aufarbeitung der religionsgeschichtlichen Phänomene ermöglicht.

In einem begrifflichen Eingangskapitel untersuche ich die semantische Breite und Tiefe der beiden Kategorien. Dabei wird bereits deutlich, dass es sich weder mit einem allgemeinen mystischen Erfahrungsverständnis, noch mit einem diakonischen Altruismus bewenden lässt. Beide Konzepte reichen weit über ihr innerkirchliches Sprachkonzept hinaus und finden Rezeptionen in Geschichte, Philosophie und Anthropologie. Im zweiten Teil werden die Spuren der Korrelation in biblischen und frühjüdischen Zeugnissen weiterverfolgt. Sowohl im jüdischen Tanach, als auch im Neuen Testament der christlichen Bibel finden sich Belege, dass sowohl Schlüsselfiguren, wie etwa Paulus und Jesus die Korrelation innerpersonal abbilden, als auch Nachweise für die Korrelation in den Anweisungen, Geboten und Lebensregeln zu finden sind. Daran anschließend wird in einer differenzierten Betrachtung der reformatorischen Ereignisse um Martin Luther, seiner Schriften und Biographie im Blick auf die korrelative Beziehung vorgenommen. Abschluss der theoretischen Untersuchung bildet die Auseinandersetzung mit der Systematischen Theologie Paul Tillichs, in der exemplarisch ebenfalls Belege für das korrelative Verhältnis von Mystik und Diakonie offengelegt werden konnte.

Das Hauptanliegen meiner Arbeit war, mit den Methoden und Quellen der Religionswissenschaft, Diakoniewissenschaft, Theologie und Philosophie, den Nachweis einer komplementären Verhältnisbestimmung der Korrelation in Vergangenheit und Gegenwart nachzuweisen. Dieses deutliche Ergebnis findet seinen Einzug in den sich anschließenden Konsequenzen und Thesen für Kirche, Gesellschaft und Diakonie in meiner Arbeit.

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