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Forschungsarbeit


Jawlenskys Maskerade – Entstehung, Entwicklung und Bedeutung der figuralen Werke von Alexej von Jawlensky aus den Jahren 1909 bis 1913

von Nikolas Werner Jacobs, Elitestudiengang Aisthesis

Der Maler Alexej von Jawlensky (1864-1941) lebte von 1896 bis zu Beginn des 1. Weltkriegs in München. Er konzentrierte sich dort ab 1909 zunehmend auf figurale Werke, von denen bis 1913 etwa 400 entstanden. Mit diesen als „Vorkriegsköpfe“ bezeichneten Arbeiten hatte Jawlensky im Umkreis des „Blauen Reiter“ seinen ersten großen Erfolg.

Trotz ihrer Bedeutung hat sich die Forschung bislang schwer getan, diese Werkgruppe als Gesamtheit zu würdigen. Dieser Umstand ist dadurch zu erklären, dass Jawlensky sich nur selten über sein künstlerisches Wirken geäußert hat. Für meine Masterarbeit wurden daher neue Quellen erschlossen bzw. bereits bekannte neu ausgewertet. Auf dieser Grundlage habe ich exemplarische Werke dieser Zeit hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten, ihrer Entwicklung sowie ihres Entstehungskontextes untersucht.

Eine Konstante der untersuchten Werke aus dieser Phase ist die Maskerade, die als Oberbegriff verschiedene Aspekte umfasst. Zunächst kann beobachtet werden, dass Jawlensky offenbar Kostüme in seinem Atelier aufbewahrte, um mit ihnen Modelle für immer neue Rollen einzukleiden und sie in diesen darzustellen, wie etwa als "Spanische Tänzerin". Die Rollenspiele vollzogen sich jedoch nicht alleine im Atelier, sondern waren Bestandteil einer auch den Lebensalltag umfassenden Kostümkultur, die bei Festen, Bällen und im Karneval gelebt wurde (Abb. 1). Auffallend sind dabei die Parallelen zur Schwabinger Bohème, die in ähnlicher Weise Maskerade und Rollenspiel lebte und zu deren Vertretern Jawlensky und sein Kreis Kontakte pflegte. Auch das Theater war in dieser Zeit von Bedeutung für Jawlensky und inspirierte ihn für einige seiner wichtigsten Bildschöpfungen. So konnte im Rahmen meiner Nachforschungen beispielsweise die in der Forschung seit vielen Jahrzehnten diskutierte Frage nach dem thematischen Ursprung der drei "Turandot"-Varianten aus den Jahren 1911/12 beantwortet werden. [i]
Die in diesen Jahren für Jawlenskys künstlerische Praxis wichtigste Person in seinem Umfeld war jedoch der Tänzer Alexander Sacharoff. Dieser damals gefragte Vertreter des modernen Tanzes stellte mit Vorliebe Motive und Gesten aus alten Kunstwerken entsprechend kostümiert in Standbildern nach und interpretierte sie neu. Sacharoff war einer der engsten Freunde Jawlenskys und saß diesem oft Modell, aufgrund seiner androgynen Erscheinung häufig auch in Frauenrollen. Während Jawlensky anfangs den kostümierten und geschminkten Tänzer darstellte, tritt dieser in späteren Werken als Person immer stärker hinter der jeweiligen Rolle zurück: Der Künstler malt nun nicht mehr (Schmink-)Masken ab, sondern lässt diese erst auf dem Bildträger Gestalt annehmen. Bislang nicht gesehen wurde der Umstand, dass Jawlensky sich anders als vermutet nicht nur in seinen frühen Jahren mit alter Kunst auseinandersetzte, sondern diese auch gerade wieder in den letzten Münchner Jahren für seine eigene Malerei motivisch rezipierte. Jawlensky entlehnte sich Motive verschiedener Kunstepochen und -gattungen, von byzantinischen Mosaiken über mittelalterliche Sakralskulptur bis hin zu Werken von Albrecht Dürer (Abb. 2a/b), Lucas Cranach, Tizian und Diego Velázquez. Der Kunstwerke nachstellende Sacharoff war ihm hierbei eine wichtige Inspirationsquelle; als Modell diente er Jawlensky als Transformationsmedium, durch das sich der Maler Motive und Pathosformeln aneignete und künstlerisch neu interpretierte. Zu diesem Verständnis der Kunst als einem bildnerischen Diskurs mit den Vorbildern über die Grenzen der Epochen und Gattungen hinweg passt auch ein überlieferter Aphorismus Jawlenskys: "Ein Meister steht auf den Schultern seines Vorgängers. [...] Nicht die Natur hat Giotto sich zum Vorbild genommen, sondern Cimabue."[ii]

In meiner Arbeit habe ich zudem Selbstbildnisse von Jawlensky aus dieser Zeit untersucht, in denen der Aspekt der Maskerade und sein Interesse an künstlerischen Vorbildern erneut aufgegriffen werden. Letzteres wird anhand der Selbstporträts aus Basel (1911) und Wiesbaden (1912) deutlich: Motivisch und physiognomisch greift Jawlensky in ihnen auf Selbstbildnisse von Velázquez und Paul Cézanne zurück, deren Originale er zu dieser Zeit in der Alten und Neuen Pinakothek in München studieren konnte. Durch diese Bezugnahme stellt Jawlensky sich als "legitimen Erben" dieser von ihm selbst konstruierten Genealogie großer Maler dar. Ein anderes Werk konnte erstmals als ein Selbstbildnis Jawlenskys entschlüsselt werden: "Er und Sie" aus dem Jahr 1912 ist das Pendant zum Wiener Selbstbildnis aus demselben Jahr. In "Er und Sie" präsentiert sich der Maler geschminkt als Turandot neben seinem eigenen Gemälde zu diesem Thema - der Titel "Er und Sie" ist hier also Programm. Zugleich belegt der sich in der Rolle seines eigenen Kunstwerks darstellende Jawlensky mit diesem Bild das hohe Maß seiner künstlerischen Selbstreflexion, indem er zum Produkt seines eigenen Schaffens wird.

 

Nikolas Werner Jacobs


[i] Im November 1911 reiste Jawlensky nach Berlin, wo zur gleichen Zeit Karl Gustav Vollmoellers Neubearbeitung des Themas „Turandot“ am Deutschen Theater unter der Regie von Max Reinhardt und mit der Musik von Ferrucio Busoni aufgeführt wurde. Die Hauptrolle der Turandot spielte Gertrud Eysoldt, deren Interpretation der Rolle Jawlensky vermutlich zu seinen drei Gemälden inspirierte.

[ii] Zitiert nach Alexej Jawlensky. Vom Abbild zum Urbild, hg. vom Arbeitskreis 68 – Künstlergemeinschaft Wasserburg am Inn e.V., Ausst.-Kat. Wasserburg am Inn, Galerie im Ganserhaus, München 1979, S. 70.

 

Bilder:

 

Abb. 1,2a: Alexej von Jawlensky. Catalogue Raisonné of the Oil Paintings: Volume One 1890-1914, hg. von Maria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky und Angelica Jawlensky, London u.a. 1991, S. 17, S.446.

Abb. 2b: Wikimedia Commons

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 1: Alexej von Jawlensky (hintere Reihe rechts) und der Tänzer Alexander Sacharoff (vorne rechts) mit Freunden um 1910 in München.

Abb. 2a und 2b: Alexej von Jawlensky: Renaissancekopf, 1913, 54 x 49 cm, Kunstmuseum Winterthur; Albrecht Dürer: Kaiser Maximilian I., 1519 (Ausschnitt), Kunsthistorisches Museum Wien.

Nikolas Werner Jacobs neben einem Porträt Jawlenskys

veröffentlicht am