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Forschungsarbeit


Die Rolle der Religion im Kontext einer Wahlentscheidung

von Johannes Gansmeier

Welche Rolle spielt Religion im Kontext einer Wahlentscheidung? Bei der Analyse der den Effekt zwischen Religion und Wahlverhalten moderierenden Faktoren wird aufgezeigt, dass der Einfluss kirchlicher Bindung auf die Wahlentscheidung zugunsten einer christdemokratischen Partei umso geringer ist, je höher die politische Kultiviertheit des einzelnen Wählers ausgeprägt ist.

Hinsichtlich der Frage nach dem Einfluss der kirchlichen Bindung auf das individuelle Wahlverhalten nahm sich die bisherige Debatte hauptsächlich der Frage an, ob in Bezug auf diesen Einfluss ein Wandel stattgefunden hätte oder vielmehr Stabilität vorherrsche (Elff/Roßteutscher 2011). Die unterschiedlich ausfallenden Antworten auf dieselbe Frage lassen sich mitunter dadurch erklären, dass die Beiträge auf der Makroebene dogmatisch an ihren zu Grunde liegenden Prämissen festhielten: Während einerseits der Rückgang des Religionseinflusses durch gesamtgesellschaftliche Prozesse begründet wird und somit kirchlicher Bindung grundsätzlich abgesprochen wird, das Wahlverhalten zu beeinflussen (Dalton 1984, 1996, 2002, de Graaf et al. 2001, Dogan 1995, Franklin et al. 1992, Ingelhart/Rabier 1986, Norris/Inglehart 2004), wird andererseits auf der bloßen Feststellung und Bestätigung bisheriger Argumentationsmuster zugunsten eines Einflusses beharrt (Ackermann/Traunmüller 2014, Brooks et al. 2006, Elff 2007, 2009, Knutsen 2004, Kotler-Berkowitz 2001, Layman 1997, Pappi/Brandenburg 2010, Raymond 2011, Roßteutscher 2011) – die bisherige Diskussion verkennt indes, dass eine Alternative zu bisherigen Argumentationen darin bestünde, den Einfluss kirchlicher Bindung hinsichtlich des Wahlverhaltens auf der Individualebene von einem weiteren Faktor abhängig zu machen:

Diesen Umstand aufgreifend argumentiert die vorliegende Forschungsarbeit, dass der grundsätzlich vorhandene Einfluss kirchlicher Bindung auf das Wahlverhalten zugunsten einer christdemokratischen Partei von einer Variable auf der Individualebene, nämlich der politischen Kultiviertheit eines Wählers, abhängt. Dieser Ansatz ermöglicht die Kombination zweier vermeintlich widerstreitender Argumente: Einerseits wird der Prägekraft eines sozialen Charakteristikums, der kirchlichen Bindung, eine gemeinhin entscheidende Bedeutung hinsichtlich der Wahlentscheidung des einzelnen zugestanden. Andererseits zeigt der gesellschaftliche Prozess der cognitive mobilization (Dalton 1984, 1996, 2002) auf der Individual- und nicht auf der Makroebene seine Auswirkungen: Gemäß dieser Theorie fungiert Religion im Kontext einer Wahlentscheidung als Heuristik, derer sich Wähler bedienen, um bei komplexen Sachverhalten für sie verständliche Antworten zu finden. Dem cognitive mobilization-Argument folgend, werden Wähler durch die Verbreitung von Massenmedien und den Anstieg im durchschnittlichen Bildungslevel – im Folgenden kumuliert als die politische Kultiviertheit eines Wählers bezeichnet – immer mehr in die Lage versetzt, ihre Wahlentscheidungen „with little dependence on external cues“ (Dalton 1984: 267) zu treffen. Die dadurch gewonnene Unabhängigkeit von einer bestimmten Heuristik ermögliche dem Wähler bewusster und unter Einbeziehung mehrerer Informationen und Abwägungen zu entscheiden. Naturgemäß gehe mit der steigenden Unabhängigkeit von Wahlentscheidungen der Bedeutungsrückgang einzelner, nicht explizit an Sachthemen orientierter, Heuristiken einher. Je höher also die politische Kultiviertheit eines Wählers, desto geringer sollte der grundsätzlich positive Einfluss kirchlicher Bindung auf die Wahlentscheidung zugunsten christdemokratischer Parteien sein.

Bei der multivariaten Analyse sind vor allem die drei postulierten Dimensionen der politischen Kutliviertheit eines Wählers von Interesse: Bildung, politische Informiertheit und allgemeines politisches Verständnis. Die Neuartigkeit des Arguments der vorliegenden Arbeit besteht – wie bereits erwähnt – vor allem darin, dass auf der Individualebene des einzelnen Wählers ein moderierender Einfluss der politischen Kultiviertheit desselben auf den Effekt zwischen kirchlicher Bindung und Wahlverhalten vermutet wird. Um derartige Thesen – allgemeiner gesagt, den Einfluss interagierender Variablen – in Regressionsmodellen adäquat testen zu können, bedarf es der Einführung eines Interaktionsterms (Kohler/Kreuter 2012: 363). In diesem Kontext postulieren Brambor et al. (2006), dass „[a]nalysts should include interaction terms whenever they have conditional hypotheses“ (64; Kursivierung und Klammern JG) und erklären somit die Einführung von Interaktionstermen zur notwendigen Bedingung einer adäquaten Modellierung von Konditionalannahmen.

Brambor, Clark und Golder zeigen darüber hinaus, dass es zur angemessenen Interpretation von Interaktionseffekten notwendig ist, über die Ergebnisse der Regressionstabellen hinauszugehen: Anstatt dieser wären vielmehr die marginalen Effekte der jeweiligen unabhängigen Variablen auf die abhängige interpretationsrelevant. Den Autoren folgend werden die für die vorliegende Arbeit interessierenden Interaktionseffekte durch grafische Darstellung interpretiert. Anders als für Brambor et al. liegt der Fokus dabei jedoch nicht auf der Frage, wann oder ob der Einfluss kirchlicher Bindung auf das Wahlverhalten in Abhängigkeit von der politischen Kultiviertheit signifikant ist, sondern ob sich jener Einfluss in Abhängigkeit von der politischen Kultiviertheit verändert.

Nach Analyse der marginalen Effekte der kirchlichen Bindung auf das Wahlverhalten in Abhängigkeit von der jeweiligen Dimension der politischen Kultiviertheit kann festgestellt werden, dass der Einfluss kirchlicher Bindung auf das Wahlverhalten  umso geringer ist, je höher die jeweilige Dimension der politischen Kultiviertheit – Bildung, politische Informiertheit und politisches Verständnis – verzeichnet.

Literaturverzeichnis

Grafik 1: Marginale Effekte kirchlicher Bindung in Abhängigkeit von Bildung

Grafik 2: Marginale Effekte kirchlicher Bindung in Abhängigkeit von politischer Informiertheit

Grafik 3: Marginale Effekte kirchlicher Bindung in Abhängigkeit von politischem Verständnis

veröffentlicht am