ELITE NETZWERK BAYERN

English  Sprachen Icon  |  Gebärdensprache  |  Leichte Sprache  |  Kontakt


Forschungsarbeit


Das kindliche Verständnis von epistemischer Normativität

von Emmily Fedra

Die Forschung zu epistemischer Normativität integriert Themen verschiedener Forschungsbereiche wie zum Beispiel Normverständnis und Theory of Mind. Epistemische Normativität ist grundlegend für das Verständnis darüber, wie Personengruppen unterschiedlicher Kulturen Wissen erwerben und weitergeben. Sie ist ebenfalls ausschlaggebend für wissenschaftliches Denken und Argumentieren. Das Verständnis der normativen Dimension epistemischer Zustände hilft uns „gute“ von „schlechter“ Evidenz zu unterscheiden und zu entscheiden, welche Behauptung gerechtfertigt ist und akzeptiert werden kann.

Bis jetzt diskutierten insbesondere Philosophen die Thematik der epistemischen Normativität,
wohingegen die empirische Forschung ihr wenig Aufmerksamkeit schenkte. Während praktische
Normen sich mit sozialen Normen und Konventionen beschäftigen, behandeln theoretische Normen
die Normativität von epistemischen Zuständen wie zum Beispiel Wissen und Überzeugungen.
Denn auch gegenüber unseren epistemischen Zuständen haben wir normative Verpflichtungen
und Berechtigungen. Wissen, basierend auf guter Evidenz, berechtigt uns gewisse Dinge zu
glauben und zu äußern (ein Beispiel hierfür wäre etwa Darwins Evolutionstheorie, die durch Forschung
belegt ist). Die Evidenz, die diese Theorie stützt, berechtigt eine Person sich für diese
auszusprechen. Mit der Folge, dass es unangemessen und ungerechtfertigt wäre, ihr das Recht
abzusprechen diese Behauptung zu äußern.

Dies gilt auch für die Unterscheidung zwischen einer gerechtfertigten und einer ungerechtfertigten
Überzeugung, welche nicht evidenzbasiert ist, einer weiteren Komponente der Normativitätsforschung.
Die gerechtfertigte Überzeugung „Die Erde ist eine Kugel“ basiert auf Evidenz. Aus
diesem Grund darf man diese Behauptung weder kritisieren noch negieren. Wohingegen die Behauptung „Die Erde ist eine Scheibe“ eine ungerechtfertigte Überzeugung ist, die nicht auf Evidenz
beruht. In diesem Fall darf und sollte die Aussage sogar angezweifelt und kritisiert werden.
Der Empfänger hat die Berechtigung die Äußerung der Behauptung zu untersagen.

Während das kindliche Verständnis von praktischer Normativität in den letzten Jahren sorgfältig
erforscht wurde, gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keine empirische Forschung ob und ab welchem
Alter Kinder die normative Dimension epistemischer Zustände verstehen. Aus diesem Grund untersuchen wir in unserer Studie das frühkindliche Verständnis der Normativität epistemischer
Zustände. Um zu erforschen, ob Kinder das Recht einer Person verteidigen, eine gerechtfertigte
Überzeugung zu äußern, führen wir derzeit eine behaviorale Studie mit 3- und 5-jährigen Kindern
durch.

Im Experiment lernen die Studienteilnehmer, dass Akteur 1 den Namen seines Stofftiers weiß
bzw. den Namen eines fremden Stofftiers nicht weiß. Anschließend nennt Akteur 1 den Namen
des Tiers (im Fall des eigenen Stofftiers, stellt seine Behauptung eine gerechtfertigte Überzeugung
dar, beim fremden Stofftier hingegen eine ungerechtfertigte Überzeugung). Unabhängig
von der Gerechtfertigkeit der Überzeugung, spricht ihm Akteur 2 daraufhin das Recht ab, zu behaupten,
den Namen des Tiers zu wissen.

Mittels spontanen Protestverhaltens (jeweils gegen Akteur 2) analysieren wir, inwieweit Kinder
verstehen, dass Personen berechtigt sind, etwas zu behaupten, sofern sie Evidenz dafür haben.
Das Protestverhalten wird mit einem sogenannten „Gegenprotest“ Paradigma erfasst. Der Gegenprotest misst, ob Kinder aktiv gegen eine zweite Person protestieren, wenn diese einer dritten
Person verbietet begründetes Wissen zu äußern. Basierend auf Forschungsergebnissen zu Normverständnis und dem Verständnis epistemischer Zustände erwarten wir unter anderem, dass 5-Jährige aber nicht 3-Jährige Gegenprotest zeigen, wenn die Kritik an dem Protagonisten ungerechtfertigt ist.

Zur Person

Emmily Fedra absolvierte ihren Bachelor und Master in Psychologie an der Paris-Lodron-Universität in Salzburg. Seit Oktober 2015 ist Emmily Doktorandin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der International Junior Research Group Developmental Origins of Human Normativity. Seit 2013 ist sie Mitglied in der Salzburger Gesellschaft für Psychologie. (09.11.2016)

 

veröffentlicht am