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Research Project

Kreativität in der Produktion von Fernsehunterhaltung

Von Pamela Przybylski (02.10.2013)

Wenn Privatsender Rekordquoten von acht Millionen Zuschauern für Sendungen melden, in denen sich Prominente sozialen Experimenten ausliefern, und wenn die Kontrollkommission der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) das Ende eines Films ändern lässt, um junge Zuschauer vor einem ‚Un-Happy End‘ zu schützen, dann lässt sich bereits erahnen, welche Wirkungskraft dem Unterhaltungsprogramm im Fernsehen zugeschrieben wird. Nicht umsonst ordnet die einschlägige Literatur in der Kommunikations- und Medienwissenschaft das Medium Fernsehen als Populärkultur ein und weist ihm eine wesentliche Rolle in der Prägung unserer Identitäten und Handlungen zu – auch wenn oder gerade weil einzelne Inhalte so kontrovers betrachtet werden. Ebenso weiß die Forschung: Wer die Bedeutung der Fernsehunterhaltung verstehen will, darf nicht nur auf die Zuschauer schauen, sondern muss auch jene, die das Programm machen, in den Blick nehmen – die Medienschaffenden.

Das hier beschriebene Forschungsprojekt macht genau dies: Es will einen Einblick in die Profile und Arbeitsweisen der Menschen erhalten, die an der Produktion von unterhaltenden Fernsehinhalten beteiligt sind. Ein Schlüsselkonzept, das es erlaubt, die Unterhaltungsproduktion besser zu verstehen, ist ‚Kreativität‘.

Kreativität gilt als Basiskonzept medialer Produktion. Jedes Medienprodukt ist neu und anders. Nie steht genau das gleiche im Blatt. Nie sieht man dieselben Bilder gemeinsam mit denselben Worten im Fernsehen – auch, wenn es die gleiche Sendung ist. Natürlich gibt es Wiederholungen, die von dieser Regel abweichen, aber auch nur, weil sie nicht neu hergestellt werden. Jede neu hergestellte Zahnpastatube gleicht der tags oder Minuten zuvor hergestellten Zahnpastatube. Jede Fernsehsendung ist anders als die vom Vortag – auch, wenn sie den gleichen Titel trägt. Es gilt die Regel, dass jedes Medienprodukt – wie Medienökonomen sagen – von Innovation geprägt ist. Die Schritte vor der Innovation sind der medienökonomischen Literatur folgend dabei das, was weitläufig als Kreativität verstanden wird. Genau an dieser Stelle jedoch offenbart sich eine Forschungslücke, da meist weitgehend unklar bleibt, was Kreativität genau bedeutet und welche Formen sie in der Medienproduktion annimmt. Bereits im Alltag lässt sich beobachten: Die Bewertung von etwas oder jemandem als ‚kreativ‘ erfolgt subjektiv. Fruchtbare Ansätze und einen reichhaltigen Fundus an Forschung zur Kreativität bietet insbesondere die Psychologie, die mit Untersuchungen zu Eigenschaften des kreativen Individuums begonnen hat und mittlerweile auch von Gruppenkreativität und organisationaler Kreativität spricht. Zahlreiche Disziplinen haben sich dieser Erkenntnisse bedient. Häufig liegt den Forschungen zur Kreativität die Definition zugrunde, Kreativität bedeute, etwas Neues auf zuvor unbekanntem Wege zu schaffen, das zugleich nützlich und angemessen ist. Diese unspezifisch formulierte Grundidee von Kreativität soll im hier beschriebenen Forschungsprojekt für die Produktion von Fernsehunterhaltung greifbar gemacht werden. Ziel ist es, die Frage zu beantworten, was Kreativität in der Fernsehunterhaltungsproduktion ist, welche Rolle sie im Produktionsprozess einnimmt und ob bzw. inwieweit sie von strategischer Bedeutung ist.

Ausgangspunkt der Untersuchung ist dabei das Feld der Fernsehunterhaltungsproduktion selbst. Relevant sind die Auffassungen von und über Kreativität, die das Feld selbst vertritt. Zudem geht es nicht darum, ein Endprodukt, d.h. eine fertige Unterhaltungssendung, als kreativ oder nicht-kreativ zu qualifizieren, sondern Kreativität im beruflichen Alltag der Medienschaffenden zu erfassen. Im Fokus stehen aus praxistheoretischer Perspektive die sozialen Praktiken der Medienschaffenden – kurzum: das, was sie tun und wie sie es tun. Damit die Studie diese Praktiken erfassen und mit Kreativität in Beziehung bringen kann, muss sie beobachten. Ein angemessenes Beobachtungsinstrument zu entwickeln ist dabei eine wesentliche Herausforderung der Studie. Fallstudien erlauben dabei, einen detaillierten Blick auf eine Auswahl von Unterhaltungsproduzenten zu werfen.

Die Studie trägt in ihrer Anlage der zunehmenden Beschäftigung mit Branchen der so genannten Kultur- und Kreativwirtschaft Rechnung. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft haben das Feld kultureller und kreativer Produktion als national und international bedeutend erkannt – für die wirtschaftliche, aber auch gesellschaftliche Entwicklung. Fernsehunterhaltung ist ein Teil dieses Feldes. Zu verstehen, wie die Medienschaffenden jeden Tag Inhalte produzieren, die uns als Medienrezipienten prägen, hilft, einen wichtigen Wirtschaftszweig, aber auch die Inhalte selbst zu verstehen. Damit gewinnt ein Bereich unserer Populärkultur an Schärfe.


Wissenschaftlicher Werdegang
  • 2004 –2009
  • Studium der Diplom-Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt
  • 2009 – 2012:
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
  • seit 2012
  • Forschungsstipendiatin; Promovendin am Lehrstuhl für Journalistik II im Internationalen Promotionskolleg der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Publikationen
  • * Przybylski, Pamela (2010): Heute Partner – morgen Konkurrenten? Strategien, Konzepte und Interaktio¬nen von Fernsehunternehmen auf dem neuen Bewegtbild-Markt. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • * Przybylski, Pamela (2011): Innovative Interaktionsstrukturen? Die Fernsehwirtschaft in der digitalen Welt. In: Wolling, Jens/Will, Andreas/Schumann, Christina (Hrsg.): Medieninnovationen. Wie Medienentwick¬lungen die Kommunikation in der Gesellschaft ver
  • * Von Rimscha, Bjørn/Przybylski, Pamela (2012): Managing creativity in media companies. In: Kolo, Castulus/Döbler, Thomas/Rademacher, Lars (Hrsg.): Wertschöpfung durch Medien im Wandel. Baden-Baden: Nomos, S. 85-102.