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Forschungsarbeit

Giacometti lesen - Studien zur Rezeption des Frühwerks Alberto Giacomettis

Von Rosali Wiesheu (14.03.2012)

Wenn von Alberto Giacometti die Rede ist, denken die meisten wohl zuerst an seine großen, ultradünnen Figuren, die Giacomettis Spätwerk von 1947-1966 auszeichnen. Da Jean-Paul Sartre sein Spätwerk zum existenzialistischen Ausdruck menschlicher Befindlichkeit in der Moderne erklärte, blieb bisher der Blick auf sein zwischen 1922 und 1935 entstandenes Frühwerk verstellt, das sich unter anderem als originelle Anverwandlung surrealistischer Konzepte präsentiert. Deshalb rücken meine Studien seine frühen Arbeiten sowie ihre zeitgenössische Aufnahme bei Künstlern und Intellektuellen in den Mittelpunkt.

Der Fokus liegt auf dem Zeitraum von 1929 bis 1933, in dem Giacometti sich in der progressiven Kulturszene etablieren konnte, dank der ihm und seinem Schaffen gezollten Aufmerksamkeit in zwei maßgeblichen Zeitschriften: den Documents und der Le Surréalisme au Service de la Révolution. Die Zeitschriften stellten zugleich die Medienorgane der beiden führenden, aber verfeindeten Intellektuellenkreise in Paris dar, als deren Hauptakteure Georges Bataille und André Breton fungierten. Beiden Theoretikern ging es gleichermaßen um den Nachweis einer Form der Selbst­erfahrung, welche jenseits eines reflexiven oder empiristischen Zugriffs auf menschliche Subjektivität lag. Dennoch zeichnete sich ihre persönliche Beziehung durch gegenseitige Aversion und intellektuelle Diffamierung aus. Es stellt sich also die Frage, worin die Heftigkeit in der gegenseitigen Ablehnung in den zwanziger und frühen dreißiger Jah­ren letztlich gründete, denn, wie schon der Bataille-Bio­graph Bernd Mattheus richtig erkannt hatte: „Antirationalistisch, pazifistisch, anti-na­tio­na­lis­tisch, antiklerikal und subversiv gestimmt, hatte die Bewegung [der Surrealismus] die totale Emanzipation, die Freiheit, ja die ‚Menschwerdung’ auf ihre Fahnen geschrieben - ein Programm, das Bataille hätte akklamieren können.“ (Mattheus, Bernd: Georges Bataille. Eine Thanatographie I, München 1984, S. 83.)

Alberto Giacometti, Objets mobiles et muets, Le Surréalisme au Service de la Révolution, Nr.3, Dezember 1931, S.18-19[Bildunterschrift / Subline]: Alberto Giacometti, Objets mobiles et muets, Le Surréalisme au Service de la Révolution, Nr.3, Dezember 1931, S.18-19 (Quelle: Alberto Giacometti: Écrits. Articles, notes et entretiens, Paris 2007, S.28-29)

Dementsprechend ging meine Arbeit folgenden Fragen nach: Inwieweit gab die Rezeption Giacomettis in den Documents und Le Surréalisme au Service de la Révolution Aufschluss über die jeweiligen Kreise und ihre möglichen Überein­stimmungen oder Differenzen? War mit dem Wechsel des Kreises ein Wandel in der künstlerischen Komposition Giacomettis zu verzeichnen? Und inwieweit deckt sich die Giacometti-Rezeption in den Zeitschriften Batailles und Bretons mit der wissenschaftlichen Rezeption seines Frühwerks oder inwiefern weicht sie von ihr ab?

In der konkreten Analyse der Rezeption Giacomettis in der jeweiligen Zeitschrift trat deutlich hervor: Wo Giacomettis Werk in den Documents Teil einer spezifischen, zeitschriftinternen Textstrategie darstellte, stilisierten die Surrealisten Giacometti zum Vorläufer der surrealistischen Objektkunst. Da dieser Bereich in der Kunstgeschichte bislang wissenschaftlich vernachlässigt wurde, zielte die Untersuchung darauf ab, aus der publizistischen und kunsttheoretischen Rezeption Giacomettis grundlegende Erkenntnisse über den surrealistischen Objekt-Umgang zu gewinnen. Im Zentrum stand die Analyse der Texte von Salvador Dalí, René Crevel und André Breton, die sich in Le Surréalisme au Service de la Révolution als die Hauptvertreter einer Theorie der Objekte präsentierten und auf der Reflexion über Giacomettis Skulpturen drei verschiedene Aspekte des surrealistischen Objekts konstruierten.

Eine vergleichende Untersuchung der Giacometti-Rezeption ließ überdies eine Übereinstimmung von Dalís Kunstkonzeption und Batailles Kunstbegriff erkennen, wodurch Bezüge zwischen Bataille und dem Surrealismus sichtbar gemacht werden konnten.

Die in den beiden Zeitschriften dokumentierte Debatte indizierte, dass Giacometti, der von 1928 bis 1930 dem Kreis um Bataille angehörte, im Zuge seines Übergehens zur Gruppe der Surrealisten, in der er von 1931 bis 1935 aktiv war, seine künstlerische Arbeit neu justierte. Der mit seinem Wechsel einhergehende konzeptuelle Wandel seiner künstlerischen Positionen in Theorie und Praxis kann nachweislich als zunehmende Objekt-Werdung seiner Skulpturen gelesen werden.


Stationen
  • 2009-2011
  • Elitestudiengang Historische Kunst-und Literaturdiskurse, KU Eichstätt-Ingolstadt, LMU München, Universität Regensburg und Universität Augsburg
  • 2010-2011
  • Auslandsaufenthalt an der École Normale Supérieure, Paris
  • 2007-2009
  • Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Neueren Deutschen Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München