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Mut zum Neubeginn: Augsburg in Krieg und Frieden - eine Spurensuche. Teil I: Von 0 auf 300 in 90 Minuten

Im Rahmen einer spannenden Führung gewährte Alumnus Stefan Hartmann einer Gruppe von weiteren Alumni des Elitenetzwerks Bayern interessante Einblicke in die Geschichte der Stadt Augsburg.

Mut zum Neubeginn - angesichts der schweren Zerstörung Augsburgs im Zweiten Weltkrieg brauchten alle Beteiligten Mut: Bei Kriegsende waren circa 4300 Gebäude zerstört, darunter befanden sich auch zahlreiche öffentliche Bauten, Kirchen und Fabrikanlagen. Etwa 2,5 Millionen Kubikmeter Schutt mussten beseitigt werden. Gut 80.000 Menschen waren obdachlos. Hinzu kam eine große Anzahl an Flüchtlingen und Vertriebenen, die ebenfalls untergebracht werden musste.

Aus heutiger Perspektive kann man sich diese gewaltige Herausforderung praktisch nicht vorstellen. Das war aber auch gar nicht das Ziel einer Führung, die am Vorabend des Hohen Friedensfests bei strahlendem Sonnenschein den Spuren des Wiederaufbaus durch die Innenstadt folgte. Studierende aus Augsburg und München waren der Einladung zu dieser 'Zeitreise' gefolgt. Welche Spuren dieser Zeit finden sich heute noch? Welche markanten urbanistischen Weichenstellungen erfolgten damals?

Los ging es am Rathausplatz. Das Herz der Stadt, der Schauplatz vieler Konzerte und Veranstaltungen, der Ort des Christkindlmarkts, im Sommer der Freilufttreff für alle Generationen - dieser urbane Raum ist erst in der Nachkriegszeit entstanden. Eigentlich, so wollten es die Verantwortlichen der Stadt, sollte anstelle zerstörter Gebäude ein zeitgemäßer Neubau entstehen. Die BürgerInnen aber hatten Gefallen gefunden an ihrem neuen 'Wohnzimmer'. Schließlich gelang es durch bürgerschaftliches Engagement, den Platz zu erhalten. Erhalten und rekonstruiert wurde auch das Rathaus des berühmten Renaissance-Baumeisters Elias Holl. Ein anderes beschädigtes Gebäude Holls an diesem Platz hingegen, das Bäckerzunfthaus, wurde abgerissen. Es entstand ein Neubau mit einer schlichten Fassadengestaltung im Stil der Zeit - und, als Highlight, einem verglasten Panoramacafé in der obersten Etage. An dieser und weiteren Stationen zeigte sich exemplarisch das Dilemma der Zeit: Sollte man Neubauten errichten, als Zeichen einer neuen Zeit, oder sollte man historische Gebäude rekonstruieren? Sollte man die gewachsene urbane Struktur erhalten beziehungsweise wiederherstellen oder sollte man die Chance für großzügige Neuplanungen nutzen? Eine Gemengelage aus ökonomischen Zwängen, Zeitdruck, ästhetischen Präferenzen und sicher auch Geltungsdrang führte, rückblickend betrachtet, hierbei sicher nicht immer zu überzeugenden Lösungen. So wurden viele noch erhaltene Gebäude, die dem Zeitgeschmack nicht entsprachen, abgerissen - nicht zuletzt für Kaufhausbauten der 1950er und 1960er Jahre. Wichtig wurde darüber hinaus die Berücksichtigung des Autoverkehrs. In Augsburg hat man mit erheblichem Aufwand eine Ost-West Schneise durch die Altstadt geschaffen, die auch zum Ernst-Reuter Platz führte. Dieser neue Platz, umgeben von Parkhaus, Werkstatt und ADAC-Gebäude mit Kino war das neue Zentrum für den automobilisierten Bürger. Ein Zentrum, das inzwischen schon Geschichte ist: Werkstatt und ADAC-Haus wurden abgerissen; die Parkflächen davor überbaut. Hier befindet sich seit einigen Jahren die neue Stadtbücherei Augsburgs. Andernorts kann man noch heute einstöckige Behelfsbauten der 1950er Jahre in der Innenstadt entdecken.

Die Spuren dieser Zeit im Stadtbild sind vielfältig und facettenreich. Mit geschultem Auge konnten sie die TeilnehmerInnen der Führung schon bald selbst erkennen. Während sonst der Blick häufig an der Schaufensterzone des Erdgeschosses hängenbleibt, erschloss sich nun die stein- und betongewordene Geschichte.

Text: Stefan Hartmann 

 

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